Heu in Massen oder Heu in Maßen?

Wieviel Heu gehört in ein Pferd?

Die Heufütterung "ad libitum", also nach Belieben der Fresslust des Pferdes gilt derzeit als das non plus ultra der Pferdefütterung. Dass damit etwaige Nachteile verbunden sein könnten, ist gerade jüngeren Pferdehaltern nicht bewusst. Schlagwörter wie naturnahe oder artgerechte Fütterung dominieren den Pferdemarkt und trüben bisweilen den Blick.

Dass Pferde auch mit geringen Raufuttermengen auskommen können, kann man in vielen Ställen Spaniens oder anderen südlichen Regionen erleben. Oft erhalten die Pferde nur drei Kilo Heu, Stroh oder Luzerne pro Tag.  Der Raufuttermangel zeigt sich sichtbar in Form von regelrecht verharzten, trockenen und verspannten Pferden. Das bedeutet aber nicht, dass man von dem einen Extrem ins andere verfallen muss.

In unseren Breiten gilt, dem Pferd zu viel Heu wie möglich zu zufüttern. Es hat sich gezeigt, dass sich eine Menge zwischen 1,0 bis 1,5 kg Heu je 100 Kilo Körpermasse, was bei einem 600 Kilo Pferd täglich 6 bis 9 Kilogramm entspricht, bewährt hat. Viele Pferdehalter bieten ihrem Pferd mittlerweile wesentlich höhere Heumengen an. Laut den Professoren Meyer und Coenen hat das Pferd eine hohe Futteraufnahmekapazität und kann am Tag durchaus 2,5-3 kg Heu pro 100 Kilo Körpermasse aufnehmen, was Mengen zwischen 15 und 18 kg pro Pferd entspricht.

Kann durch Heufütterung ein Nachteil entstehen?

Tatsächlich ja, wenn das Heu nicht wirklich von allerbester Güte ist. Denn mit der Menge an Heu und dem Grad an Kontamination - zum Beispiel durch Schimmelpilze, die im Heu mehr oder weniger unausweichlich sind  - steigt auch die Gesamtbelastung des Pferdes, was Atemwege, Leber und Darm betrifft. Die im Rahmen von mikrobiellen Belastungen und Fehlgährungen entstehenden biogenen Amine, vor allem Histamin (was übrigens im Falle von Heulage oder Silage noch wesentlich schlimmer ist), können zu allergischen Reaktion, aber auch Nasenausfluss, Chronisch obstruktiver Broncitis (COPD), Magengeschwüren sowie angelaufenen Beinen (Herzrhythmusstörungen), Kotwasser und Durchfall führen.

Bei extrem schlechten Heuqualitäten muss sich der Pferdehalter die Frage stellen, ob es nicht eher Sinn macht, teureres Heu dazukaufen oder auf künstlich getrocknete Produkte zurückzugreifen und dabei eine Drosselung der Heumenge in Kauf zu nehmen.

Nährstoffzufuhr beachten

Die Professoren Meyer und Coenen weisen darauf hin, dass eine alleinige Heufütterung nicht ohne eine zusätzliche Mineralisierung erfolgen kann. Das liegt daran, dass mit der erhöhten Trockensubstanzaufnahme bei einer Ad-libitum-Heufütterung auch der Bedarf an Spurenelementen steigt. So liegt der Bedarf an Eisen bei 40 bis 100mg/kg Trockenmasse (TM) und der Bedarf an Kupfer bei 8-12 mg/kg TM. Der Bedarf an Zink wird nach der derzeitigen NRC (National Research Council) Empfehlung sogar auf 40 mg/kg TM  geschätzt. Die Unsicherheit in den Bedarfswerten von Mangan zeigt sich in einer Empfehlung von 40-80 mg/kg TM. Das NRC (2007) "postuliert eine ausreichende Selenversorgung mit 0,1 mg pro Kilo trocken Masse des Futters für alle physiologischen Stadien" (Empfehlungen zur Energie und Nährstoffversorgung von Pferden", 2014, DLG Verlag). Für Jod gibt das NRC 0,4 mg/kg TM an, für Kobalt 0,05mg/kg TM und fü Molybdän gibt es keine Empfehlung. Chrom ist leider als Futtermittel nicht zugelassen, die Versorgungsempfehlung wird aber auf 0,1-0,5 mg pro Kilo Trockenmasse festgelegt. Diese Spurenelementbedarfe können durch das Heu nicht ausreichend gedeckt werden, denn kaum ein Heu weist solche Nährstoffgehalte auf.

Dick durch Heu?

Nicht zu unterschätzen ist die gewaltige Energiezufuhr durch Heu mit 7 - 9 MJ/kg TM. Eine Fütterung von 15 Kilo Heu führt zu einer Trockensubstanzaufnahme von circa 12,9 Kilo. Selbst bei relativ energiearmem Heu übersteigt diese Energiezufuhr mit 94 MJ bei weitem den Erhaltungsbedarf und kann bei nicht geforderten Pferden zu Verfettung führen.

Schlapp durch Heu?

Durch die gewaltige Trockensubstanzaufnahme wird natürlich die Möglichkeit einer Fütterung von Kraftfutter begrenzt. Eine geringe Kraftfuttermenge führt zwar auch zu einer Einschränkung der Zufuhr von Zucker und stärkehaltigen Komponenten, was den meisten Pferdehaltern, die ihr Pferd nicht ausreichend bewegen entgegenkommt. Allerdings ist bei so gefütterten Pferden eine wirklich ausreichende körperliche sportliche Stärke für anspruchsvolle Aufgaben nicht wirklich realistisch gegeben. Die Fütterung von kohlenhydrathaltigem Kraftfutter kann im Rahmen einer positiven Interaktion zwischen den Futterinhaltsstoffen die Dickdarmflora anregen und damit die Rohfaserverdauung verbessern (Meyer, Pferdefütterung).

Wenn die Kombination aus Sattheit, Trägheit und Spurenelementmangel aufgrund einer reinen Heufütterung zudem auf schlechte Heuqualität stößt, ergibt sich angfristig neben Übergewicht ein Leberproblem. Es kommt zusätzlich zu Wassereinlagerungen. Mattes Fell, Lustlosigkeit und ein gestörtes Immunsystem können die Folge sein. So kann es passieren, dass vermeintlich naturnah gefütterte Pferde ebenso EMS, ECS oder die angebliche KPU entwickeln wie mit getreide überfütterte Pferde.

Bei der Fütterung am Heu nicht sparen

Soll heißen: nicht die Masse, sondern die Klasse an Heu ist in der Pferdefütterung relevant. Ein Pferd ist mit Sicherheit mit 8 Kilo hochwertigem Heu am Tag besser versorgt als mit 16 Kilo qualitativ schlechterem Heu. Zudem verbleiben dem mäßig gefütterten Pferd Stoffwechselreserven. Durch eine moderate Kraftfutterfütterung mit klassischem Hafer und weniger mit Gerste oder Mais bleibt das Pferd aktiver und hat mehr Freude an der Beweglichkeit, die wiederum dem Stoffwechsel zugute kommt.

 

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand November 2016 ©

Foto: fotolia: Datei: #80722834 | Urheber: michelangeloop

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