Blutbilder beim Pferd

Was sagen sie aus und was sagen sie nicht aus

Blutbilder richtig zu interpretieren ist selbst für manche Fachleute nicht so einfach. Nicht immer bedeuten die Werte das, was sie augenscheinlich aussagen. Auf die Idee, vom Tierarzt ein Blutbild erstellen zu lassen kommt der Pferdebesitzer meist spätestens, wenn das Pferd einen kranken oder schwachen Eindruck macht. Sehr viele Pferdebesitzer geben ein Blutbild jährlich in Auftrag um einen gewissen status quo zu ermitteln. Hauptsächlich werden mit den Blutbildern etwaige Organ- bzw. Stoffwechselkrankheiten festgestellt. Durch Blutbilder kann auch ein etwaiger Nährstoffmangel bzw. die Disposition zu einem Nährstoffmangel festgestellt werden.

Unzählige Parameter können im Blut nachgewiesen werden. Dazu zählen auch Enzyme, Nährstoffe, Molekülgruppen, Blutkörperchen etc. Was für den Tierarzt besonders wichtig ist, sind die organspezifischen Werte, die Auskunft geben über das Funktionieren lebenswichtiger Organe wie Leber, Niere, Schilddrüse, Keimdrüsen, etc.

Beispiel für organspezifische Werte

Eine Erhöhung der leberspezifischen Enzyme weist auf eine Schädigung der Leber hin. Die Werte AST/GOT, GLDH, g - GT oder die Alkalische Phosphatase sind erhöht. Da die Leber jedoch über hohe Kompensations- und Regenerationsmechanismen verfügt, ist die Schadensdiagnose schwierig zu stellen. Die Diagnose Leberproblemen kann also erst im fortgeschrittenen Stadium gestellt werden. Weitere verdeckte Hinweise auf Leberprobleme können erhöhte Kalium- und niedrige Gesamteiweißwerte sein.

Feststellung von EMS über das Blutbild

Beim Equinen Metabolischen Syndrom handelt es sich nicht um eine Krankheit sondern um einen Symptomenkomplex. Erhöhte Triglycerid- und Nüchterninsulinwerte können, müssen aber nicht auf diese Problematik hinweisen. Ein erhöhter Insulinwert zeigt zuverlässig an, ob eine Insuliresistenz vorliegt. Ein erhöhter Glucosewert hingegen kann täuschen, da das Pferd vielleicht nicht wirklich nüchtern war bei der Blutentnahme.

Feststellung von ECS über das Blutbild

Beim Equinen Cushing Syndrom wird vorwiegend der ACTH Wert gemessen, der auf eine tumoröse Veränderung der Hypophyse hinweisen soll, genauso aber ein Hinweis auf akuten Stress darstellen kann. Den ACTH-Wert alleine zur Beurteilung für eine Prascend-Gabe heranzuziehen ist kurzsichtig! Der ACTH Wert wird erhöht durch Durst, Schmerz, sexuelle Aufregung. Chronische Schmerzen aus Arthrose, Fühligkeit oder Zahnschmerzen werden daher nicht selten mit dem Equinen Cushing Syndrom verwechselt.

Feststellen von Calcium- oder Phosphordefiziten

Ein Calciummangel beim Pferd ist aufgrund der Fütterung mit Heu unwahrscheinlich, im allgemeinen ist auch durch jede Futterberechnung ersichtlich, dass neben Calcium auch Phosphor um ein Mehrfaches über den Bedarfswerten zugeführt wird.

Der Calcium- und Phosphorspiegel im Blut wird über einen Hormonsystem (Parathormon, Calcitonin, Vitamin D) geregelt. Ist also ein niedriger Calciumspiegel im Blutbild des Pferdes erkennbar, können eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Nierenschwäche bzw. Niereninsuffizienz, ein massives Leberproblem oder auch ein Vitamin-D-Mangel zugrunde liegen. Auch kann die Verabreichung bestimmter Medikamente wie zum Beispiel Cortison einen Calciummangel im Blut hervorrufen.

Ein hoher Calciumsspiegel im Blut deutet nicht etwa auf eine zu hohe Aufnahme von Calcium hin, sondern kann ein Anzeichen für eine Schilddrüsenüberfunktion sein, auf bösartige Tumore oder eine Nierenunterfunktion hinweisen .

Ein erniedrigter Phosphorspiegel im Blut kann auf einen nutritiv bedingten Phosphormangel hinweisen, was aber beim Pferd extremst selten ist (absoluter Futtermangel). Eher deutet er  auf eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen,  einen Vitamin D-Mangel, Nierenerkrankungen oder eine Vergiftung mit aluminiumhaltigen Zusätzen hin.

Ein erhöhter Phosphorspiegel im Blut kann auf eine Unterfunktion der Nebenschilddrüsen oder Nierenschwächen hindeuten. Ebenso kann eher ein Hinweis darauf sein, dass phosphathaltige Medikamente verabreicht wurden.

Erhöhte oder erniedrigte Eiweißwerte im Blut

Erhöhte Eiweißwerte im Blut deuten meist auf Entzündungen im Körper, aber keinesfalls auf eine Überversorgung mit Eiweiß hin. Erhöhte Eiweißwerte im Blut sollten vom Tierarzt ernst genommen und weitere Untersuchungen eingeleitet werden. Zu niedrige Eiweißwerte im Blut deuten fast immer auf ein massives Leberproblem hin. Die Leber ist nicht mehr in der Lage,  körperfremdes Eiweiß (durch die Ernährung zugeführtes Eiweiß) in körpereigenes Eiweiß umzuwandeln.

Wenn die Triglyceride erhöht sind

kann dies ein etwaiger Indikator für das Metabolische Syndrom sein, aber auch anzeigen, dass ein übergewichtiges Pferd derzeit im Fasten ist. Ebenso können erhöhte Triglyceridwerte auch auf eine Schilddrüsen- oder Nebenschilddrüsenunterfunktion sowie Cushing hinweisen.

Wenn der Gesamtbilirubinwert erhöht ist

kann dies auf eine starke akute Hämolyse (Blutzersetzung), die Absorption eines großen Hämatoms, aber auch auf eine verminderte Leberfunktion deuten.

Ein erhöhter Cholesterinwert

kann auf eine Nebenschilddrüsenunterfunktion, eine Schilddrüsenunterfunktion, Cushing, aber eben auch auf einen Hungerzustand oder ein starkes Trauma sowie eine Leberschädigung hindeuten, während ein erniedrigte Cholesterinwert eine verminderte Leberfunktion und einen etwaigen Manganmangel anzeigt.

Ein erniedrigte Albuminwert

ist ein eindeutiges Anzeichen für eine verminderte Proteinsynthese, hervorgerufen durch Leber- oder Pankreasprobleme. Er kann zwar auch durch ein sehr eiweißarmes Futter provoziert werden, was aber beim Pferd extremst selten auftritt.  Seltener sind Verbrennungen oder schwere Entzündungen, Futtermangel sowie ein Zinkmangel oder was auch noch möglich sein könnte wäre ein Proteinverlust durch die Niere, die aber durch weitere  veränderte Nierenwerte ersehen werden könnte.

LDH - die Lactatdehydrogenase

ist ein Enzym, welches vor allem im Skelettmuskel, der Leber und den Erythrozyten vorkommt. Eine Erhöhung zeigt an, dass aufgrund eines Sauerstoffmangels  bzw. Vergärung Milchsäure entstande ist.  Erhöht ist der LDH Wert bei Muskelkater, Muskelerkrankungen (Kreuzverschlag), Lebererkrankungen oder Hämolyse (Auflösung roter Blutkörperchen). Bei Menschen wird er mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht, beim Pferd nicht. Ein erhöhter LDH Wert deutet auf Verspannungen und Unrittigkeit des Pferdes hin. Im allgemeinen herrschen in dieser Situation auch Selen-,  Mangan- oder Magnesiummängel vor. Der LDH Wert ist für den Fütterungsfachmann ein sehr ernstzunehmender Wert.

Die Creatinkinase (CK)

ist meist mit dem LDH Wert erhöht und deutet ebenso auf Muskelerkrankungen sowie alimentäre Mangan-, Selen oder Magnesiummängel hin. Dieser Wert ist nach starker körperlicher Belastung oder Schockzuständen erhöht.

Der Harnstoff-Stickstoffwert

ist gerade beim Pferd sehr ernst zu nehmen. Ist dieser Wert erhöht, deutet dies auf Nierenerkrankungen, sehr proteinreiches Futter bei Pferden mit Nierenproblemen, einen Kohlenhydrat-Mangel im Zusammenhang mit Fasten oder einer Erhöhung der Harnstoffproduktion als Folge von Cushing hin. Eine vorübergehende Erhöhung deutet auf Herzkreislaufprobleme, Dehydration,  Muskeltraumen, schwere körperliche Belastung, Fieber, Infektionen oder Schockzustände hin.

Ein zu niedriger Harnstoffwert kann auf einen Manganmangel hinweisen, da das Enzym Arginase, welches an der Harnstoffbildung direkt beteiligt ist manganabhängig ist. Leberversagen, Wasserretentionsstörungen sowie die Gabe von Anabolika können ebenso dazu führen, dass der Harnstoffwert erniedrigt ist.

Der Serum Amyloid-Wert

Dieser unspezifische Wert steigt schnell nach einer Entzündungsreaktion an und gilt als Marker, um weitere diagnostische Maßnahmen zu ergreifen um nach der Lage und der Herkunft der Entzündung forschen. Er zeigt eher septische Erscheinungen, hervorgerufen durch Bakterien oder Toxine, beispielsweise bei Darm-, Lungen-, Augenentzündungen oder vorangegangenen Kastrationen. Dieser Wert kann ebenso erhöht sein nach Traumata oder nach extrem starker physischer Anstrengung. Zur Feststellung vorhandener abgekapselten Entzündungen ist der Serum-Amyloidwert nicht unbedingt geeignet.

Erhebung der Mineralstoffwerte

Die Fütterung des Vortages kann das Blutbild erheblich beeinflussen (z.B.  Triglyceride, Mg, K, Fe, Zn, Cu, Mn und Se). Nur mit dem zwei bis fünftägigen Pausieren der Mineralstoffgabe kann sich die sogenannte Homöostase im Blut wieder einpendeln. Aus diesem Grunde sollte zur  korrekten Erhebung von Mineralstoff- oder Vitaminwerten im Blut die Blutabnahme "mineraliennüchtern" erfolgen. Die Nachkontrolle von nährstoffbedingten Werten ist schwierig. Um wirklich beispielsweise nachhaltig Zinkmängel auszugleichen, dauert die Fütterung oft ein bis zwei Jahre, bei Manganmängeln zwei Jahre und mehr, während Selenmängel oft sehr leicht innerhalb von Wochen auszugleichen sind. Bei immer wieder auftretenden Selenmängeln kann sich in Wirklichkeit dahinter ein Manganmangel verbirgt oder ein Leberschaden zu Grunde liegt. Daher ist die unentwegte Fütterung von Selenmonopräparaten auch nicht immer von sichtbarem oder spürbarem Erfolg geprägt. Kupfermängel sind relativ selten. Der Magnesiumwert wird oft unterschätzt. Die Referenzwerte sind oft sehr tolerant, das heißt, ein Mangel wird nicht als solcher gesehen. Da sich sehr viele Labore uneins sind bezüglich der Referenzwerte für Mangan, wird Mangan sehr selten gemessen und es werden oft Werte toleriert, die bereits anzeigen, dass ein Mangel vorliegt.  

 

Dr. Susanne Weyrauch Januar 2017©

Zum Shop