Wenn Pferde abmagern -
ist getreidefrei nicht immer die richtige Lösung

Seit über 10 Jahren wird "Low carb" empfohlen: Ist das immer richtig?

Die getreidefreie Fütterung ist ein Trend, der mit Sicherheit bei übergewichtigen Pferden oder Pferden, die nicht gearbeiten werden, sinnvoll sein kann. Eine Fütterung ohne Getreide wird für Pferde die wichtigste Diätmaßnahme wenn sie entweder am Equinen Metabolischen Syndrom erkrankt sind und tatsächlich eine Insulinresistenz oder Hufrehe vorliegt oder bei definitiv - über einen genetischen Test verifiziert - für an PSSM erkrankten Tieren.

Die Getreidefütterung, vorwiegend Hafer, hat sich seit Jahrhunderten bei Pferden, die in Arbeit sind, bewährt. Getreide liefert die notwendige Energie, die einem Pferd fehlt, das aus dem Raufutter nicht ausreichend Energie beziehen kann. Seit 10 Jahren wurde der positive Effekt einer getreidefreien Fütterung für adipöse und an PSSM erkrankten Pferden festgestellt. Ist das aber ein Grund, so eine Fütterung bei allen Pferden anzustreben?

Wann braucht ein Pferd Getreide?

Getreide, ob das nun Hafer, Gerste, Mais oder Dinkel ist, zeichnet sich durch unterschiedliche, aber im Vergleich zu Raufutter hohe Stärkegehalte aus. Dabei liegt der Hafer mit 45 % Stärke noch am niedrigsten, gefolgt von Gerste, Weizen und Dinkel mit ca. 60 % und Mais mit 70 % Stärke. Dies erklärt auch die unterschiedlich gewichteten Fütterungsmengen und die verschiedenen Aufschlussverfahren der einzelnen Getreide. Energie liefern auch Kleien und Nachmehle, deren Stärkegehalt deutlich geringer ist, die aber der Getreidefütterung zuzuordnen sind.

Stärke wird erst durch den Kauvorgang, dann enzymatisch im Dünndarm in Glucose (Traubenzucker) aufgespalten, von der Leber aufgenommen um dort geregelt über die in der Bauchspeicheldrüse gebildeten Peptidhormone Insulin und Glucagon ihren Weg in und aus dem Blut zu nehmen. Die Glucose wird in Wassser und Kohlendioxid zerlegt, dabei wird über den Citronensäurecyclus ATP als Energielieferant gebildet.

Obschon rein rechnerisch der Energiebedarf des Pferdes sehr gut mit Heu, Gras und Stroh gedeckt werden kann, sind es vor allem Sportpferde und auch sehr alte Pferde, die ohne eine zusätzliche Getreide- bzw. Stärkefütterung entweder zu wenig Kraft entwickeln oder sogar abmagern. Das ist unter anderem auch rassebedingt, so kommt es vor allem bei hoch blutgeprägten Pferden sehr leicht zu Energieengpässen und dadurch bedingt zu möglicher Abmagerung bei einer getreidefreien Fütterung. Je älter ein Pferd wird, desto höher kann der Energiebedarf sein. Ebenso ist der Energiebedarf von der Witterung abhängig. Kaltes Wetter erfordert zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur des Pferdes wesentlich mehr Energie, wobei die durch das Getreide gelieferte Stärke schnell zu einem Ausgleich führt. Im Winter verhindert die Getreidefütterung auch das rasche Auszehren eines Pferdes bei Minusgraden.

Bei augenscheinlich schlechten Heuqualitäten kann selbst eine ad-libitum-Heufütterung zur Abmagerung führen. Wenn auch gutes Futterstroh nicht hilft, muss ein Heutrockenprodukt oder ein getreidehaltiges Futter zugefüttert werden.

Die andere Seitet der Medaille - stärkereiche Futter schonen Leber und Niere

Auch wenn seit fast 10 Jahren die Stärkezufuhr bei Pferden regelrecht verteufelt wurde, sollte man sich bewusst sein, dass ein gesundes Pferd mit ausreichender Belastung in Form von sportlicher Arbeit durch Stärke als Energielieferanten Leber und Niere schont.

Eine Pferdefutterration (auch wenn nur Heu gefüttert würde) kann unter Umständen reicher an Eiweiß sein als empfohlen wird. Die Verstoffwechselung von Eiweiß erfolgt sowohl über die Leber als auch über die Niere. Die Verstoffwechselung von Fetten (Ölen) ist grundsätzlich mit einer gewissen Leberbelastung verbunden. Dies gilt übrigens ebenso für Menschen, die sich der "Low-Carb-Bewegung" angeschlossen haben. Da die Stärke selbst quasi rückstandslos verstoffwechselt wird ist sie eine schonende alternative Energieform.

Nachteile durch Raufutter?

Schlechte oder nur mäßige Raufutterqualitäten führen unweigerlich zu einer Belastung des Pferdes mit giftigen Stoffwechselprodukten der enthaltenen Hefen, Bakterien und Schimmelpilze. Viele Pferdebesitzer können die Qualität des Raufutters nicht beeinflussen. Eine große Menge an kontaminiertem Raufutter bedeutet für das Pferd auch eine große Belastung mit hochgiftigen biologischen Schadstoffen. Auch in diesen Fällen muss ein Ausgleich durch entweder Trockengrünprodukte und/oder Getreide erfolgen, um Leber und Nieren zu schonen.

Für welche Pferde ist getreidefreies oder getreidearmes Müsli eine Alternative?

Für übergewichtige Pferde und Pferde, die eigentlich nicht viel arbeiten müssen und die einfach was Leckeres zum Mineralfutter als Freßhilfe benötigen können getreidefreie oder getreidearme Müslis eine Alternative darstellen.Bei Pferden mit tatsächlich entwickelter Insulinresistenz sollte noch mehr Wert auf eine bedarfsgerechte Mineralisierung und damit eine Anregung des Stoffwechsels gelegt werden und nicht einfach die Hoffnung bestehen, dass ein Abspecken allein das Problem löst.

Paradox, dass sowohl übergewichtige als auch zum Teil abgemagerte Pferde von getreidefreien oder getreidearmen Müslis profitieren können. Letztendlich lassen sich aber auch Futter ohne Getreide sehr gut als Ergänzung zur eigentlichen Getreideration (Hafer) einsetzen, um die Verdauung zu stimulieren und den PH-Wert der Gesamtration zu verbessern. Wer feststellt, dass das Pferd im Rahmen der getreidefreien Fütterung trotz reichlicher Heumenge abmagert, sollte sich relativ rasch Gedanken über die Heuqualität, die Zufütterung von stärkehaltigem Futter oder wenigstens getreidehaltigem stärkearmen Futter (z.B. Kleie) machen.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand Februar 2016 ©

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