Sonderfarbe am Pferd

Bindegewebe - Gedächtnis des Körpers

Die Bedeutung von intaktem Bindegewebe für die Sehnen-, Knochen- und Knorpelgesundheit

Das Bindegewebe ist eines der interessantesten Gewebe des Pferdekörpers. Von einem gesunden Bindegewebe hängen Rittigkeit, Beweglichkeit und Leistung des Muskel-, Knochen- und Knorpelstoffwechsel ab. Stoffwechselstörungen zeigen sich im Bindegewebe genauso wie Traumata der Vergangenheit. Da das Bindegewebe zu den zellarmen Geweben zählt, dauert eine Regeneration extrem lange, was sich bei Sehnen-, Fesselträgerschäden oder Knochenbrüchen zeigt.

Bindegwebe beim SportpferdDas Auf und Ab im Leben eines jeden Individuums hinterlässt tiefe Spuren. Die beim Tier, aber auch beim Menschen durch schlimme Erfahrungen oder Schocks entstehenden seelischen Schäden stehen im Verdacht körperliche Schäden nach sich zu ziehen. In der Humanmedizin spricht man von posttraumatischen Belastungenserkrankungen als Teil der psychosomatischen Medizin. Aus naturwissenschaftlicher Sicht handelt es sich individuenübergreifend um sowohl physiologische als auch chemische Vorgänge, die bei Stress oder Angst in Gang gesetzt werden und zu einer regelrechten Zerstörungswut innerhalb des Körpers führen. Dies untermauert die Erkenntnis von Manualtherapeuten, die vom Bindegewebe als „Gedächtnis des Körpers“ sprechen.

Schützt und stärkt die Organe -das Bindegewebe

Das Bindegewebe schützt und umformt die Organe und stärkt den Bewegungsapparat. Im Vergleich zu anderen Gewebsstrukturen, die vorwiegend aus dichten Zellverbänden bestehen (z.B. Haut- oder Lebergewebe), und dadurch hochregenerativ sind, stellt das Bindegewebe einen eher loser Zellverband dar, der in eine sogenannte Extrazelluläre Matrix (Zwischenzellensubstanz) eingelagert ist. Die Zwischenzellensubstanz besteht aus vorwiegende kollagenen Fasern, Hyaluronsäure und Proteoglycanen, die eine wasserbindende, gallertartige Masse bilden. Die Extrazelluläre Matrix stellt den Schutz für die doch zahlenmäßig sehr wenigen Bindegewebszellen (Chondrozyten) dar, die ihrerseits die Zwischenzellstubstanz in einer perfekten Symbiose aufbauen.

Wenn das Bindegewebe geschwächt ist, verliert es an Funktionsfähigkeit. Dann bauen sich Gelenkknorpel ab, Sehnen reißen schnell an, heilen langsam oder Blutgefäße reißen. Um das Bindegewebe geschmeidig zu halten und Reparaturarbeiten zu leisten benötigt der Körper eine Reihe ganz spezifischer Nährstoffe. Diese Nährstoffe liefern einerseits Baumaterial für die Extrazelluläre Matrix und andererseits helfen sie, die Zellgesundheit der Bindegewebszellen zu schützen.

Der Anspruch an ein vitales Bindegebe, Organgesundheit und Beweglichkeit besteht darin, die relativ wenigen Zellen in die Lage zu versetzen, die gallertartige Zwischenzellstubstanz aus Proteoglykanen, Chondroitinsulfat, Hyaluronsäure und Kollagen selbst zu bilden und damit zu regenerieren.

Stress schädigt Sehnen und Gelenke

Gerät ein Organismus in großen Stress, kommt es – frei nach dem Motto: „Wer viel arbeitet macht viele Fehler“ - im Rahmen der Zellatmung zu Fehlreaktionen und damit zur Bildung sogenannter Freier Radikale. Freie Radikale sind hochreaktive Moleküle, denen ein Elektron fehlt. Das macht sie gefährlich, da sie das benötigte Elektron planlos aus anderen Molekülstrukturen, Zellverbänden und Zellwänden reißen. Es beginnt ein Reigen der Zerstörung von Erbsubstanz und Zellwandstrukturen. Dort entstehen wieder Moleküle, denen ein Elektron fehlt, so dass ein Teufelskreis beginnt. Freie Radikale entstehen grundsätzlich durch hohe Stoffwechselbelastungen (Hochleistungssport), Angst, Stress, Umweltgifte (Pestizide, Herbizide), Chemikalien (auch bestimmte Medikamente, Futtermittelzusätze), sowie Strahlung (Sonneneinstrahlung, radioaktive Strahlung). Beim Pferd entstehen solche Stresssituationen bereits früh.

Dazu gehört das Absetzen und der damit verbundenen Verlust der Mutter. Später sind es Transporte, falsche oder mangelhafte Ernährung sowie fehlerhafter reiterlicherliche Einwirkungen. Zu den erheblichsten Stress-Situationen gehört der Schmerz, der beim Pferd aufgrund mangelnder Schmerzlaute oft unterkannt bleibt (Huflederhautentzündungen, Hufrehe, Satteldruck, Blockaden).

Der einzige Schutz vor dieser Zerstörungswut der Freien Radikale sind sogenannte Antioxidantien, die mit der Ernährung zugeführt werden. Antioxidative Substanzen sind in der Lage Freie Radikale abzufangen und so die Zerstörung aufzuhalten. Eine mangelhafte Versorgung mit diesen Stoffen führt zu einer ungebremsten Folge dieser Zellangriffe in Form von  Entzündungen, Immunstörungen (wie Allergieneigung oder Bronchitis) und Zellentartungen (Krebs), sowie vielen chronische Bindegewebsbelastungen wie Arthrose, Knochenabbau, Sehneninstabilität oder Darmproblemen.

Nährstoffe zum Schutz des Bindegewebes

Besonders bekannt sind die Vitamine ß-Carotin, Vitamin A, Vitamin E und Vitamin C. ß-Carotin fängt vor allem aggressive Sauerstoffradikale ab. Vitamin C gilt zudem als Regenerator für das Vitamin E, das vor allem auch die Fettsäuren, die Zellmembranen und das Bindegewebe vor Freien Radikalen schützt. Das Pferd ist in der Lage, Vitamin C selbst zu bilden, Vitamin A wird aus ß-Carotin (Heu, Gras, Karotten) mit Hilfe von Zink synthetisiert und Vitamin E muss in vielen Fällen extra zugefüttert werden.

Antioxidative Sekundäre Pflanzenstoffe

Starke Antioxidantien liefern spezielle Pflanzenteilen wie Wurzeln, Blüten oder Blättern, sogenannte Sekundäre Pflanzenstoffe. Bekannt sind neben den Carotinoiden, zu denen auch das oben genannte ß-Carotin (z.B. aus Karotten) und das Lycopin (z.B. aus Hagebutten), das ß-Cryptoxanthin, Lutein oder Zeaxantin gehört auch die Flavonoide, von denen die oligomeren Proanthocyanidine aus Traubenkernen hervorzuheben sind oder Polyphenole aus Magnostanfrucht-Extrakt. Ihre zellschützende Wirkung ist gewaltig und jedem künstlichen Vitamin überlegen.

Nährstoffe zur Unterstützung enzymatischer Tätigkeit

Aber nicht nur die Sekundären Pflanzenstoffe fangen freie Radikale ab, sondern auch Spurenelemente schützen Zellkern, Mitochondrien und Zellmembran. Zink, Kupfer, Mangan und Selen werden – eingebaut in komplizierte Enzymstrukturen – zu hocheffektiven Schutzmechanismen und einem wichtigen Bestandteil des antioxidativen Systems. Selen wird dabei in die Glutathionperoxidase eingebaut, einem Enzym, das vor allem die fettsäurehaltigen Zellmembranen vor oxidativem Angriff schützt. Die manganabhängige Superoxiddismutase schützt vorwiegend die Mitochondrien, die Energiekraftwerke der Zelle, in denen Wasserstoff und Sauerstoff in Energie umgewandelt wird. Die kupfer- und zinkabhängige Superoxiddismutase schütze die Zelle vom Zellplasma aus. In gefährlichen Situationen, bei Stress oder Angst, durch Strahlungseinfluss oder im Hochleistungssport steigt der Bedarf an diesen Enzymen und damit auch der Bedarf an obigen Spurenelementen stark an.

Nährstoffkonkurrenz durch Stress

Befindet sich nun ein Organismus in einer Stresssituation oder bereits in einem höheren Alter, steigt der Bedarf an antioxidativen Nährstoffen oder ist bereits längst gestiegen. Dieser Bedarf muss durch die Ernährung gedeckt werden. Es kommt nun zu einer Konkurrenzsituation. Die Bindegewebszellen benötigen nun sowohl Nährstoffe, um einerseits dem oxidativen Angriff auf die Zellen standzuhalten und andererseits die Regeneration der Interzellularsubstanz voranzutreiben. Es sollte nun ausreichend Substanz vorhanden sein, um sowohl die Bindegewebszellen zu schützen, also auch die Extrazelluläre Matrix aufzubauen.

Die in der Extrazellulären Matrix aufzubauenden Riesenmoleküle wie Proteoglykane,  Hyaluronsäure und kollagene Fasern erfordern die ausreichende Anwesenheit von Kupfer, Mangan, Zink, Schwefel und Silizium. Im Vergleich zu den meist reichlich vorhandenen Eiweiß- und Kohlenhydratbausteinen herrscht mitunter ein frappierender Mangel an oben genannten Nährstoffen. So kommt es zur Konkurrenz zwischen beispielsweise Mangan und Kupfer einerseits zum Aufbau des Bindegewebes und andererseits zum Aufbau  antioxidativer Enzyme zum Schutz der Zellen. Eine Zufuhr dieser Nährstoffe kann nicht kurmäßig erfolgen sondern muss auf Dauer angelegt sein, da sonst ein Nutzen fraglich wird. Siehe dazu auch: Wie hängen Bindegewebsprobleme mit dem Manganmangel zusammen?

Wenn sich der Stress der Mutter auf die Kinder überträgt

Die Vorstellung, dass sich der zeitlebens erworbene Stress auf die Nachkommen übertragen kann klingt zunächst absurd. Allerdings gibt es diesen Denkansatz. Er ist Bestandteil der neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse der Epigenetik, die zu einem neuen Verständnis zur Biologie führen. Unter Epigenetik versteht man die Beeinflussung des genetischen Materials durch äußere Umstände, zum Beispiel durch die Ernährung. Dabei kommt es zu einer nicht als Mutation bezeichneten chemischen Veränderung der Erbsubstanz (DNA-Methylierung).  Die DNA-Methylierung versteht sich eher wie ein An- und Ausschaltknopf. Die Fragestellung, ob ein Gen zur Ausprägung kommt oder nicht, ob bestimmte genetische Muster erwachen oder schlafen ist abhängig vom Ernährungszustand sowohl des erwachsenen Individuums als auch dessen Frucht. So können bei mangelernährten Individuen nicht alle positiven Informationen anspringen und sich schlechtere genetische Ausprägungen zeigen als mit einer guten Ernährung.

Werden diese Informationen auf die Tochterzellen weitergegeben, kann man hier auch prinzipiell davon sprechen, dass der Körper ein „Gedächtnis“ hat, dessen Information er sogar weitergeben kann. Glücklicherweise ist dieser Vorgang aber auch reversibel. Durch eine Ernährung, die den Bedarf in bestimmten Situationen deckt und Mängel aus der Vergangenheit ausgleicht, können negative Informationen wieder gelöscht werden. Die Prägungen an den Genen können verblassen bzw. überschrieben werden

Ein Beispiel sind bei Mensch und Tier die Faktoren Stress, Angst oder Umweltgifte. Menschen, die den Krieg hautnah erlebt haben, waren neben dem Hunger zusätzlich einem Verlust antioxidativer Nährstoffe, die im Stress regelrecht verbraucht werden, ausgesetzt. Betroffene Mütter waren zwar später in der Lage, Kinder zu kriegen, jene waren aber oft durch die Mangelernährung der Mutter gezeichnet. Die fehlende DNA-Methylierung kann also durch Mangelernährung und Stress erworbene Bindegewebsschädigungen von der Mutter auf die Tochter und wiederum deren Tochter übertragen, es sei denn, der Teufelskreis wird unterbrochen und eine bedarfsgerechte Ernährung angestrebt, die „die Erinnerung des Bindegewebes“ aufhebt. Bei Pferden kann eine generationenübergreifende Unterversorgung mit Spurenelementen, vor allem Kupfer (was mittlerweile leicht nachzuweisen ist), aber auch antioxidativer Pflanzensubstanzen zu einer Schwächung des Bindegewebes führen und damit zu einer Neigung zu den Themen Arthrose, Sehnen- und Gelenksproblemen.

Unter diesen Gesichtspunkten ist eine nutritive Behandlung solcher Probleme mit den Bausteinen Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat oder der Neuseeländischen Grünlippmuschel nur eine vorübergehende Lösung, um noch schlimmere Schäden zu verhindern. Tatsächlich jedoch muss an einer nicht nur bedarfsgerechten Versorgung sondern auch über eine Fütterung nachgedacht werden, die nachhaltig Mängel aus der frühen Kindheit und bedingt durch nährstoffverarmte Mütter ausgleicht.

Das ist der einzige Weg, das Bindegewebe nachhaltig zu stärken. Ein unterversorgtes, vernachlässigtes Bindegewebe beim Pferd rächt sich vorwiegend in Form von Sehnen- und Fesselträgerschäden, sowie Hufrollen- und anderen Gelenkserkrankungen.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand 2010 überarbeitet 2017©

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