Das Spurenelement Mangan
In der Praxis vollkommen unterschätzt
Wenn es um lockere Muskeln und Gelenkschutz geht, spricht man meistens von Vitamin E und Selen, Calcium oder Magnesium. Eine viel größere Bedeutung für den Muskelstoffwechsel, den Knochen- und Gelenksaufbau hat jedoch Mangan, ein relativ verkanntes Spurenelement.
Der Name "Mangan" kommt aus dem Griechischen und bedeutet: "ich reinige wirklich". (V. Thurnes, 2006).
Kein Knochen ohne Mangan
Mangan findet man im tierischen Körper vor allem im Skelett, in der Leber, der Bauchspeicheldrüse, den Nieren und den Eierstöcken. Besonders gute Weidegründe liefern Pferden bereits in der Aufzucht reichlich Mangan, von dem alleine 25 Prozent in den Knochen gespeichert werden und sie so für ihr späteres Leben gut wappnet. Während man die Reserven in den Knochen gut auffüllen kann, ist die Speicherkapazität der Leber für Mangan (im Gegensatz zu Kupfer) gering. Das gilt vor allem für Neugeborene. Innerhalb der Zellen ist Mangan in den Mitochondrien, den Energiekraftwerken der Zelle, lokalisiert. Hier wird der Sauerstoff in der Zelle umgewandelt, wobei Superoxidradikale entstehen können, die von dem Enzym Superoxiddismutase unschädlich gemacht werden. Mangan ist ein wichtiger Bestandteil der Superoxiddismutase (DEROSA et al. 1980).
Für sichere Knorpelgesundheit und optimales Bindegewebe
Manganmangel führt laut klassischer Literatur zu Störungen im Bereich von Fruchtbarkeit, der Leber, der Knochen- und der Zahnbildung. Bei jungen Tieren wurden Fehlstellungen, Gelenksdegenerationen wie Knochenauftreibungen, insbesondere der Karpalgelenke oder mangelhaftes Wachstum beobachtet.
Die mächtige Bedeutung von Mangan für den Gelenkstoffwechsel zeigt sich in seiner Funktion als Cofaktor bei der körpereigenen Bildung von Glykosaminoglykanen. (Griminger u.Scrutton, 1970). Zusammen mit Schwefel wird die körpereigene Bildung von Chondroitinsulfat und damit ein Großteil der Knorpelbildung und -regeneration ermöglicht. Ein mangelhafte Zufuhr an Mangan führt unweigerlich zum Knorpelabbau. Die Bedeutung von Mangan für die Knochenwachstum und -umbildung ist erheblich, da Mangan die Aktivität der Osteoblasten und Osteoklasten beeinflusst (Freeland-Graves u. Llanes 1994 in Ekmekgcioglu, 2006).So führt ein Manganmangel zu Knochenfehlbildungen sowie verkürzten und verdickten Röhrenknochen (Thomas, 1976).
Leider kann man in ein Pferd nicht hineinschauen, aber es gibt äußerliche Zeichen, die man sehr ernst nehmen muss. Dazu gehört die Pigmentierungsstörung (siehe Bild rechts), die normalerweise als "Kupferbrille" tituliert wird, aber in fast allen Fällen auf einen Manganmangel hinweist, der bereits durchaus während der embryonalen Versorgung entstanden sein kann und sich später durch Sport, Stress und Fehlernährung manifestiert hat. Wissenschaftlich untersucht wurde, dass in pigmentierter Haut mehr Mangan eingelagert ist als in weniger pigmentierter Haut (Ekmekcioglu, 2006).
Der Muskelstoffwechsel hängt ebenso stark von einer bedarfsgerechten Manganversorgung ab. Der Abbau von Milchsäure nach sportlicher Anstrengung durch das Enzym Pyruvatcarboxylase ist manganabhängig. Fehlt dieses Spurenelement, ist der Muskelstoffwechsel beeinträchtigt und Leistungssport limitiert. Im Reitalltag wird dann von Steifheit oder „Klemmigkeit“ des Pferdes gesprochen, der bis zum Kreuzverschlag führen kann.
Schlüssel für einen gesunden Stoffwechsel
Als Bestandteil der Enzyme Phosphatase und der Arginase ist Mangan unerlässlich zur Stickstoff-Entgiftung durch die Bildung von Harnstoff. Je höher der Manganwert im Blut ist, desto aktiver ist die Arginase-Aktivität. Über die Aktivität dieses Leberenzyms besteht offensichtlich ein Zusammenhang mit Atemwegserkrankungen (Kocyigit et al., 2004).
Empirisch findet man bei Pferden mit einem gestörten Manganhaushalt „Fühligkeit“ nach dem Hufbeschlag, die im schlimmsten Fall in der gefürchteten Hufrehe kulminiert. In Tierversuchen wurde festgestellt, dass ein Manganmangel sogar Ataxien auslösen kann (Ekmekcioglu, 2006).
Mangan hat über die Entsäuerung der Muskulatur eine wichtige Funktion im Säure-Basen-Haushalt. Im übersäuerten Pferdeorganismus wird das gesamte Bindegewebe nachhaltig geschädigt. Die Belastungsfähigkeit des Sehnen- und Bänderapparates sinkt. Eine nicht bedarfsgerechte Manganversorgung bremst zudem die Neubildung und Regeneration des kollagenen Bindegewebes über eine mangelnde Aktivität des Enzyms Prolidase, das Prolin für die Kollagenbildung zur Verfügung stellt (Milligan et al. 1989).
Pferde mit entzündlichen Gelenkerkrankungen zeigen oft sowohl einen Kupfer-, also auch einen Manganmangel, der die Knorpelbildung behindert. Äußerlich zeigt sich dieser gekoppelte Mangel in Form von Pigmentierungsstörungen, der sogenannten Kupferbrille. Bei Manganmangel in Kombination mit Leberentgiftungsstörungen wird hingegen häufig Stichelhaarigkeit beobachtet.
Weitere Funktionen
Mangan bremst die Histaminfreisetzung und fördert zusammen mit Zink die Bildung gesunder Schleimhäute (Glykosaminoglykane). In der Schilddrüse übernimmt Mangan einige jodähnliche Funktionen, so dass Schilddrüsenstörungen oder Kropfbildungen nicht immer auf den Jodmangel zurückgeführt werden müssen. Mangan ist an der Synthese der Aminosäure Glutamin beteiligt, die für Gedächtnisleistung wie beispielsweise Konzentrations- und Merkfähigkeit sorgt. Gerade in einer Zeit, in der viel über das Equine Metabolische Syndrom (EMS) gesprochen wird, ist es interessant zu wissen, dass ein Manganmangel zu Störungen des Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsels führen kann (Keen et al, 1999). Über die Schwächung der Superoxiddismutase kann es in Folge zu Herzerkrankungen, Anreicherungen von Fett in der Leber und den Muskeln kommen.
Blutprofil gibt nur Anhaltspunkte
Die Referenzwerte für Mangan sind unklar. In der Rinderfütterung wird ein Wert von 3 µg/l im Serum angestrebt. Blutserumwerte von unter 1,5µg/l haben sich bei Pferden empirisch als kritisch gezeigt. Die Anfälligkeit für Muskelverspannungen, Sehnenschäden, Knochenbrüche oder Aortenrisse steigt mit dem verminderten Manganwert im Blut. Nach der Tierärztin Dr. Stricker aus Hannover sollte wenn, dann Vollblut und nicht das Serum, untersucht werden. Die Referenzwerte werden hier mit 5 - 15 µg/l angegeben, optimal sollten Sie bei 10 - 15 µg/l sein. Vermutlich leiden sehr viele Pferde unter einem unerkannten Manganmangel, so dass die Unterversorgung als Normalität betrachtet wird. Hier hat sich gezeigt, dass eine kurmäßige Versorgung mit Mangan über ein hochwertiges Präparat rasch Aufschluss gibt. Eine Veränderung der Bewegungsfreude, lockerere Muskulatur und schnelle psychische Regeneration zeigen an, dass eine Zufuhr notwendig ist. Mangan zählt zu den Spurenelementen mit der geringsten Toxizität (Gruis, 2004).
Unterschiedlicher Manganbedarf
Rechnerisch ist ein Manganmangel in der Fütterung schlecht nachzuweisen, da die Heuqualitäten extrem schwanken und vermutlich der Bedarf höher liegt als angenommen.
Der Bedarf steigt zum Beispiel in Situationen, die eine Aktivität der manganhaltigen Superoxiddismutase erfordern. Dies sind Hochleistung im Sport, Sonneneinstrahlung und Stress. Erhöhte Bedarfe entstehen bei der Stute im letzten Drittel der Trächtigkeit sowie bei der Aufzucht von Jungpferden (Entwicklung von Knorpeln, Knochen und Muskeln). Pferde bestimmter Linien scheinen einen erhöhten Manganbedarf zu haben. Sie sind oft besonders auf Leistung oder reichlich Muskulatur gezüchtet. Im Charakter zeigen sich diese Pferde ebenso oft dominant.
Natürliche Manganzufuhr
Im besten Falle wird der Manganbedarf von etwa 100mg/100 Kilogramm Körpergewicht durch manganreiches Heu gedeckt. Der Mangangehalt im Heu schwankt allerdings stark zwischen 35mg/kg (Timothy-Hay) bis hin zu 200mg in gutem Voralpenheu. Da die Werte sehr unterschiedlich sind und Pferde Heu bzw. Gras in der Aufzucht nicht in homöopathischen Dosen sondern als Hauptfutter aufnehmen, kann es zu Manganmangelerscheinungen gerade in der Aufzucht kommen, die Kissing Spines, Osteochondrosis und Muskelerkrankungen (PSSM) nach sich ziehen.
Die Resorption von Mangan über den Magen-Darm-Kanal gestaltet sich schwer. Diese Information legt uns nahe, eine kontinuierliche Zufuhr in möglichst organischer Form zum Beispiel als Manganchelat anzustreben. Das Mengenelement Calcium gilt als Gegenspieler. Während sich Kräuter und kräuterreiche Gräser durch einen hohen Mangangehalt auszeichnen, begrenzen starke Kalkungen und ein hoher pH-Wert des Bodens die Manganaufnahme der Pflanze.
Ein weiterer Faktor, der zu Manganmangelzuständen beitragen kann ist die Entmanganisierung des Wassers (zur Schonung der Brunnen seit den 50iger Jahren) sowie das sicher sinnvolle Verbot der Fütterung von Knochenmehlen an Pferde (Knochen und Gelenke sind die Manganhauptspeicher!).
Entstandene Manganmängel lassen sich erstaunlich zuverlässig mit manganhaltigen Ergänzungsfuttermitteln auf der Basis von Manganchelat ausgleichen. Oft ist dies schon nach wenigen Tagen am Pferd spürbar. Dies ist grundsätzlich empfehlenswert bei Sportpferden, Pferden mit Leberproblemen, EMS und PSSM-Fällen sowie bei Pferden mit Bewegungsstörungen und zur Unterstützung der Knochenheilung bei Brüchen.
Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand ©