Gesundheit

ECS - Das Equine Cushing Syndrom

Große Zweifel: "Echte" Seniorenkrankheit oder "nur" Ernährungsmangel?

In den letzten Jahren häuft sich bei Pferdebesitzern die Diagnose: „Equines Cushing Syndrom“. Es ist meist der Tierarzt, der dieses Krankheitsbild beim Pferd diagnostiziert, welches vorwiegend bei bereits älteren Tieren auftritt. Mittlerweile gelten unzählige Pferde als betroffen und es muss erlaubt sein, sich die Frage zu stellen, ob plötzlich wirklich so viele Pferde Tumore entwickeln.

Die sensibler werdenden Untersuchungsmethoden haben aufgedeckt, dass immer jüngere Pferde, sogar unter 10 Jahren, unter dem Cushing Syndrom leiden. Diese Pferde fallen dabei nicht durch das lange, lockige Fell sondern mehr durch das Auftreten von Hufrehe auf (Brüns, Diagnose und Therapieverlauf des equinen Cushing-Syndroms, 2001, THH). Üblicherweise ver-
ändert sich bei Pferden, die unter dem Equinen Cushing Syndrom (ECS) leiden, zunächst die Muskulatur. Sie baut sich ab, die Tiere ermüden rasch und entwickelt einen Hängebauch aufgrund der körperlichen Schwäche. Zotteliges bzw. lockiges Fell sowie ein schleppend verlaufender Fellwechsel sind ebenso Symptome wie Knochenbrüchigkeit, Bindegewebsveränderungen und häufig auftretende Infekte. Oft werden auch eine Art Fettschwämmchen über den Augen beobachtet. Das Pferd trinkt und stallt mehr, gerät leichter ins Schwitzen. Es besteht die Tendenz zur Bildung einer Fettleber. Das klassische Symptom des Equinen Cushing Syndroms ist jedoch die Hufrehe, die den Pferdebesitzer aufmerken lässt. Ursächlich gemacht werden für diese Abbauprozesse eine eigene überhöhte körpereigene Kortisolausschüttung. Auch ein Überangebot durch aufgrund medizinischer Eingriffe zugeführtes Kortisol zur Bekämpfung von Entzündungen ist möglich.

Ein Stresshormon spielt verrückt

Der medizinischen Lehrmeinung zu folge sind es Entartungen der Hypophyse (Hirnanhangdrüse), die zu einer  erhöhten Ausschüttung von ACTH führen. ACTH steht für Adrenokorticotropes Hormon. Es handelt sich um ein Stresshormon, dessen Aufgabe es ist, die Nebennierenrinde zur Bildung von Glukocorticoiden, also zum Beispiel Kortisol (u.a. entzündungshemmend und das Immunsystem unterdrückend), Mineralkortikoiden (zum Beispiel das Dursthormon) und Sexualhormonen anzuregen. ACTH kann aber auch durch Stress und Histamin (Ausschüttung, Aufnahme oder Folge von Allergien) erhöht werden. Bei sensiblen Pferden kann bereits die Blutabnahme zu einer Erhöhung des ACTH-Wertes führen.


Die Stressachse

ACTH ist ein Bestandteil des Melanokortinsystems und ein zentrales regulatorisches Element in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, der sogenannten „Stressachse“. Stress führt zu einer Sympathikusstimulation und somit zu einer vermehrten Freisetzung von ACTH (Schwartz, 2007).

 

So ist es durchaus möglich, dass eine Erhöhung von ACTH auf ganz natürliche Weise erfolgt. Stress, Kälte, Schmerzen oder schwere Anstrengungen, Verletzungen und Krankheiten, starke Gefühle und andere physische und psychische Belastungen erhöhen den ACTH –Spiegel über eine vermehrte Freisetzung des „corticoreleasing-factor“ aus dem Hypothalamus (Schwartz, 2007). Auch eine Mangelernährung im Bereich der einzelnen Nährstoffe kann stressauslösend sein (siehe dazu auch Nervosität beim Zinkmangel).

 


Keine faulen Ausreden

Seit 2010 untersuchen wir im Hause dr. WEYRAUCH Fälle, die als Equines Cushing Syndrom diagnostiziert wurden in Bezug auf deren Fütterungshistorie. Es wurden ca. 150 Fälle betrachtet. Dabei stellte sich erschreckenderweise heraus, dass über 90% aller ECS-Pferde in einem Alter unter 24 Jahren unter jahrzehntelangen Ernährungsdefiziten vor allem in Bezug auf die Spurenelemente litten. Ebenso wurde eine gewisse Leberschwäche bei den meisten Pferden beobachtet.

 

Aufgrund der nicht unerheblichen Kosten einer schulmedizinischen ECS-Therapie mit dem Mutterkorn - Derivat Pergolidum (mögliche unerwünschte Wirkungen bei Pferden sind u. a. Appetitlosigkeit und Lethargie, zentralnervöse Störungen wie leichte Niedergeschlagenheit oder Ataxie, Diarrhoe und Koliken) sollte sich für Pferdehalter in der Zukunft die Frage aufwerfen, ob eine prinzipiell bedarfsgerechte Fütterung nicht nachhaltiger ist als eine spätere Behandlung mit teuren Chemikalien, die nicht ohne Nebenwirkungen sind.



ACTH fördert die Ausschüttung von Kortisol aus der Nebennierenrinde. Die im Stress erhöhte Freisetzung von Katecholaminen (Adrenalin und Noradrenalin) führt ebenfalls zur erhöhten Freisetzung von ACTH. Die Stresshormone wirken so synergistisch bei der Freisetzung von Kortisol. Kortisol erhöht die Glukosekonzentration im Blut und wirkt zusammen mit den freigesetzten Katecholaminen aktivierend auf das Herz-Kreislauf-System (Schwartz, 2007). Der Erhöhung des Blutzuckers wird mit der Ausschüttung von Insulin begegnet. Ein Insulinüberschuß selbst steht unter Verdacht, Hufrehe auszulösen.

 

Die Bildung von ACTH kann vermutlich seltener auch durch Tumoren oder häufiger durch Kortisongaben ausgelöst werden. Die direkte Folge zu hoher ACTH – Ausschüttungen ist langfristig die Bildung von Adenomem (gutartige Geschwülste aus Schleimhaut- oder Drüsengewebe) oder Karzinomen (bösartige Entartungen), die eine Hypertrophie (Vergrößerung) der Nebennierenrinde auslösen, welche nun unkontrolliert Kortisol ausschüttet.


Zuviel Kortisol im Blut

Das Kortisol ist der Gegenspieler zum Insulin. Seine katabole (abbauende Wirkung) führt zu einer kontinuierlichen Erhöhung des Blutzuckerspiegels, was beim Pferd rasch zur Ausbildung einer Insulinresistenz führen kann. Aus diesem Grunde bauen die Pferde auch so schnell ab. Der Zucker kann nicht über das Blut ins Gewebe gelangen und wird über den Harn ausgeschieden, was im späteren Stadium zur Abmagerung führen kann. Hat das Pferd zudem keine regelmäßige Bewegung (fordernder Schritt/Trab/Galopp), fehlt die Option eines insulinunabhängigen Transports direkt über die Muskulatur.

 

Eine weitere Wirkung des Kortisols ist ein rasanter Abbau von eiweiß- und fetthaltiger Körpermasse über die Leber. Diese Prozesse führen unweigerlich zu einer immensen Leberbelastung mit Verfettung der Leber. Kortisol ist ein wichtiges Hormon zur Unterdrückung von Entzündungen und Allergien. Im Übermaß allerdings kommt es zu einer Unterdrückung des gesamten Immunsystems. Vom Equinen Cushing Syndrom betroffene Pferde (oder Pferde die langfristig Kortisol erhalten haben), neigen daher zu Infekten und haben ein schlechtes Heilfleisch. Es kommt zu einer massiven und systematische Entkalzifizierung, die zu Überbeinen, Knochenbrüchen und Bindegewebsproblemen führt. Eine ständig überhöhte Kortisolbelastung des Körpers führt zu Wassereinlagerungen, Aufschwemmungen, massiv gesteigertem Appetit, so dass viele Pferde am Anfang von ECS eher fettleibig wirken.


Medizinische Vorgehensweise

Ob es sich nun tatsächlich um eine krankhafte Überfunktion der Nebennierenrinde oder eine Entartungen der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) handelt, versucht der Tierarzt mit entsprechenden Tests zu ermitteln. Dabei wird das Blut auf erhöhte Werte von ACTH oder Kortisol hin untersucht. Das Pferd sollte aber nicht unter Stress stehen. Besser, aber für Hufrehepatienten ungeeignet, ist der Dexamethason-Hemmtest, bei dem geringe Mengen des synthetischen Glucocorticoids verabreicht werden. Beim gesunden Pferd kommt es sofort zu einer Hemmung der ACTH-Sekretion so dass als Folge das endogene Kortisol absinkt. Diese Hemmung der Kortisolausschüttung soll zeigen, dass das Pferd gesund ist. Bleibt der Kortisolspiegel erhalten, zeigt dies an, dass das Pferd unter dem Cushing Syndrom leidet.


Alternativer Ansatz - Nicht immer Cushing

Die Häufung des Auftretens dieser Erkrankung mit den Lebensjahren und immer jüngerer Patienten haben im Zusammenhang mit den Ergebnissen von erstellten Futterhistorien gezeigt, dass Pferde mit Cushing-Symptomen oft extreme Nährstoffmängel haben. Auffallend häufig sind die jahrelange Mangelernährung bei überhöhter Energiezufuhr und schließlich zu wenig körperlicher Bewegung.

 

Hinter dem vermeintlichen Equinen Cushing Syndrom steckt also nicht immer eine Entartung der Nebennierenrinde. Auch Parasitenbefall, Spurenelementmängel oder Zahnprobleme lösen ein ähnliches äußeres Bild aus (Dietz, Huskamp Handbuch Pferdepraxis, 1999). Lockiges Fell kann zum Beispiel auf Kupfermängel schließen lassen.

 

Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass auch nicht bewältigter Stress (chronischer Stress) ursächlich für eine ständige ACTH – Ausschüttung und schließlich eine Überreaktion der Nebennierenrinde sein kann. Pferde sind heutzutage einer besonders subtilen Art von Stress ausgesetzt. Bei der Haltung reicht das von zu großen Herdenverbänden auf zu kleiner Fläche bis hin zur Stallhaltung mit wochenendlichen Turniereinsätzen oder belastender Reitweise. Ähnlich wie beim Adrenal Fatigue Syndrom beim Menschen kann es auch beim Pferd durch chronischen Stress zum körperlichen Zusammenbruch kommen.


Chronischer Stress

Bleibt der Stress als chronischer Stress bestehen, kann es zu einer Erschöpfung der Nebennieren kommen. Der Kortisolwert sinkt, aber der ACTH-Wert bleibt hoch. Ein Zustand völliger Erschöpfung, der beim Pferd bislang noch keine große Beachtung fand.

 

Um den Stress des Pferdes zu reduzieren können folgende alternative Maßnahmen ergriffen werden:

 

1.         eine absolut bedarfsgerechte Ernährung

1.1       mäßige Stärke- und Zuckerzufuhr

1.2.      Berücksichtung einer ausreichenden Spurenelementversorgung

1.3.      hochwertige Magnesiumversorgung

1.3.      der geforderten Leistung angemesser Fettgehalt

2.         eine kontinuierliche Leberentgiftung

3.         eine gymnastizierende Reitweise, um dem Pferd Schmerzen zu ersparen

4.         passendes Sattelzeug und korrekte Hufpflege bzw. Hufbeschlag

5.         eine tägliche regelmäßige Bewegung mit Trab und Galopp

6.         nutritive Unterstützung des Herzens

 

Pferde, die Cushing Symptome zeigen, sollten also mindestens bedarfsgerecht ernährt werden. Dazu gehört auch die Berücksichtung von Spurenelementen und Sekundären Pflanzenstoffen in der Ernährung. Empirisch hat sich gezeigt, dass sich die Unterstützung des Herzens mit hochwertigem Magnesium, natürlichem Vitamin E sowie herzrelevanten Kräutern wie Weißdorn, Galgant, Rosmarin und Melisse außerordentlich gut auch begleitend zur Pergolid- oder Mönchspfeffer-Therapie bewährt hat. Dass Mönchspfeffer die ACTH- Bildung bremst, wissen Hengsthalter übrigens mittlerweile sehr gut. Agnus castus-Präparate hemmen so die Bildung von Sexualhormonen und werden zudem auch schon lange bei Frauen eingesetzt, die unter dem Prämenstrualen Syndrom leiden.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand 2012© überarbeitet im November 2015