Hafer ist und bleibt das beste kohlenhydrathaltige Futter für Pferde

Gesundheit

Kohlenhydrate - reine Energie

Welche Kohlenhydrate benötigen Pferde und warum?

Was macht Pferde dick? Darf man Pferde noch mit Getreide füttern? Was führt zur Insulinresistenz oder zum Metabolischen Syndrom? Warum ist Hafer ein gutes Kraftfutter für Pferde? Ist Zucker wirklich gefährlich? Diese neuzeitlichen Fragen können nur wirklich beantwortet werden, wenn man ein wenig in die Biochemie eintaucht. Der folgende Artikel versucht leichtverständlich die unglaublich vielfältige Welt der Kohlenhydrate zu beschreiben.

Zucker ist leichtverdaulich

Im Rahmen der Pferdefütterung muss grundsätzlich zwischen strukturierten und nicht-strukturierten Kohlenhydraten unterschieden werden. Während die strukturierten Kohlenhydrate aufgrund der bestehenden Analytik zur Rohfaser zählen und das Gerüst aller pflanzlichen Zellwände bilden (Hemicellulose, Pektine, Cellulose, Pentosane und ß-Glucane), gehören die nicht-strukturierten Kohlenhydrate durch ihre Löslichkeit in Säuren und Laugen zu den stickstoff-freien Extraktstoffe (NfE). Zu ihnen zählen sämtliche Zuckerverbindungen wie Rohr- und Rübenzucker, die Stärke und auch Fruktane. Sie gelten u.a. als Energiespeicher.

 

Die Verdauung macht den Unterschied

Zucker und Stärke sind dünndarmverdaulich. Sie haben einen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und damit auf den Insulinhaushalt. Ihre Zuordnung zu den Kohlenhydraten ist uns klar.


Sogenannte schnell fermentierbare Kohlenhydrate wie
Fruktane und Pektine, die löslichen Anteile von Cellulose
und Hemicellulose werden im letzten Teil des Dünndarms
und im gesamten Dickdarm durch Bakterien aufgeschlossen.


Die dritte Gruppe der Kohlenhydrate wird als langsam fermentierbare Kohlenhydrate bezeichnet. Dazu zählt die unlöslichen Anteile von Cellulose und Hemicellulosen, die ausschließlich im Dickdarm verdaut werden. Sie gelten laut der Weender Analyse als Rohfaser.


Ganz einfach Zucker

Die einfachste und bekannteste Kohlenhydratform ist die Glucose, der Traubenzucker. Glucose wird als Einfachzucker (Monosaccharid) bezeichnet. Die Fructose, die als Fruchtzucker bekannt ist, bildet in Verbindung mit Glucose ein Disaccharid, die sogenannte Saccharose. Saccharose ist der bekannteste Zucker und schmeckt süß. Am meisten finden wir ihn in Zuckerrohr und –rüben, sowie in reifen Früchten, Melasse und Obstsirup. Weitere Disaccharide sind der Malzzucker (bestehend aus zwei Glucosemolekülen) und der Milchzucker (bestehend aus Glucose und Galaktose), der als Bestandteil von Milch der raschen Energiezufuhr  des Neugeborenen durch Kohlenhydraten dient.

 

Die Ribose ist ebenso ein Einfachzucker, der jedoch auf den Blutzuckerspiegel keinen steigernden Einfluss hat sondern sogar als blutzuckersenkend gilt. Es handelt sich hier um eine sogenannte Pentose, einen Zucker mit nur fünf Kohlenstoffatomen. Sie ist maßgeblicher Bestandteil der RNA sowie der Energieträgers ATP, ADP und AMP.

 

Stärke macht stark

Reiht man die einzelnen Glucosemoleküle aneinander, entstehen je nach Bindungsform entweder Stärke oder Cellulose. Chemisch gesehen handelt es sich um Polysaccharide. Während die Cellulose aufgrund eben ihrer Bindungsform nur durch Bakterien aufgeschlossen werden kann, wird die Stärke bereits durch die Amylase, ein Enzym im Speichel in Glucose zersetzt.

 

Die Glucoseketten der Stärke verklumpen zu Stärkekörnern. Die Verklumpungsstruktur der in der Pferdeernährung hauptsächlich im Getreidekorn vorkommenden Stärke ist unterschiedlich. Hafer verfügt über eine sehr feinkörnige Stärke, Mais über eine extrem grobkörnige.


Unterscheidung von Nichtstärke-Polysacchariden

Bei den Polysacchariden unterscheidet man die Stärke von „Nichtstärke-Polysacchariden“. Zu den „Nicht-Stärke-Polysacchariden“ gehören Fruktane, Cellulose und Glukane (aus Weizen und Hafer, Hefen und Pilzen).
Als dritte Gruppe und im Gegensatz zu den Polysacchariden sind Heteropolysaccharide aus verschiedenen Zuckern aufgebaut. Zu den Heteropolysacchariden gehören die Hemicellulosen; Pektine und Lignin.


Vorkommen in Natur und Körper

Die nicht-strukturierten Kohlenhydrate erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Bei den tierischen Lebewesen wird Glucose als Muskelglykogen (tierische Stärke) im Muskel und vor allem auch der Leber gespeichert. Bei Pflanzen wird Glucose als Stärke gespeichert. Nicht-strukturierte Kohlenhydrate sind eine wichtige  Nahrungsquelle für alle tierischen Lebewesen.

 

Einige Kohlenhydratformen wie Agar (Geliermittel aus Algen), Pektin (Hauptfaserlieferant der Rüben) und Mucopolyssaccharide (Bausteine tierischen Bindegewebes, zum Beispiel Knorpel) sind stark wasserbindend und erlangen so eine stabilisierende Funktion.


Verdauung der Kohlenhydrate

Die Verdauung der Einfachzucker und der Dissacharide (z.B. Rohr- und Rübenzucker) ist für das Pferd ist denkbar einfach, da der Zucker unmittelbar über die Darmwand resorbiert wird. Ausgewachsene Pferde tolerieren große Mengen an Zucker (angeblich bis 3 Kilogramm pro Tag), was man aber nicht herausfordern muss. Als schnelle Energiequelle ist Zucker auf alle Fälle bekannt.

Die Stärke wird im Speichel und schließlich im Dünndarm durch das Enzym Amylase in einzelne Glucosemoleküle oder Molekülgruppen zerteilt und dann resorbiert. Während Hafer mit seinen leicht verdaulichen 40 Prozent Stärkegehalt leicht verdaut wird und ungequetscht verfüttert werden darf, liegt der Stärkegehalt von Gerste bei etwa 60 Prozent, der von Mais sogar bei 70 Prozent. Im Gegensatz zum Hafer muss Gerste mindestens gut gequetscht und Mais sogar flockiert und dampfbehandelt werden, damit die Stärke für das Pferd leichter verdaulich ist und langfristig keine Schäden in der Dickdarmflora auftreten.

 

Stärkefütterung nicht übertreiben

Die Gaben großer stärkehaltiger Getreiderationen, selbst wenn das Getreide gut aufgeschlossen ist, ist für Pferde nicht unproblematisch, da die Verdauungskapazitäten für Stärke beim Pferd begrenzt sind. Die Stärkezufuhr darf eine Menge von 200g je 100 Kilogramm Körpermasse des Pferdes je Mahlzeit nicht überschreiten. Das heißt, dass ein Pferd mit 600 Kilogramm Körpergewicht auf alle Fälle nicht mehr als 2,5 bis 3 Kilogramm Hafer, 2 Kilogramm Gerste, bzw. 1,5 bis 1,7 Kilogramm Mais je Mahlzeit zugeführt bekommen sollte.


Müslifutter – ein Problem?

Müslifutter sind oft reich an leichtverdaulichen nichtstrukturierten Kohlenhydraten. Fertigfutter für Pferde sollte in der Form konzipiert sein, dass es entweder alleine oder zum Beispiel zu leichtverdaulichem Hafer zugefüttert werden kann. Zu den ganz besonderen Qualitätskriterien zählt der gute hydrothermische (mit Dampf behandelt) Aufschluss zur Erleichterung der Stärkeverdauung. Trotzdem sollte der Anteil an Stärke und Zucker der tatsächlich geforderten Leistung des Pferdes angepasst sein.


Zuckerbombe Gras

Frisches Gras enthält reichlich Einfach- oder Mehrfachzuckerverbindungen, deren Aufnahme ins Gewebe insulinabhängig erfolgt. Der Gehalt an NfE, also im weitesten Sinne den Zuckerverbindungen beträgt um die 400g je Trockensubstanz. Davon entfallen etwa 80 bis 100g auf reine Zuckerverbindungen. Mit einem Kilogramm frischen Gras nimmt ein Pferd also etwa 16 bis 20g Zucker auf, was etwa drei bis sechs Zuckerstückchen entspricht. Steht ein Pferd ganztägig auf der Weide, nimmt es um die 40 Kilogramm Gras auf, was dann grob umgerechnet fast einem Kilogramm reinen Zuckers entspricht.

 

Heu und überständiges Gras enthalten weniger

Zuckerverbindungen. Das Heu veratmet während der Trocknung einen Teil des Zuckers.


Was macht Fruktane so gefährlich?

Bei den Fruktanen handelt es sich um eine Gruppe von Oligo- und Polysacchariden, die in einigen Pflanzenarten die Stärke als Speicherkohlenhydrat ersetzen oder ergänzen (z.B. Inulin aus Topinambur, Löwenzahn, Pastinake). Einige Pflanzen reichern Fruktane bei Trockenheit oder Kälte an, um diese besser zu ertragen. Andererseits sollen Fruktane auch die Zellmembranen schützen. Ihre Verdauung erfolgt im Dickdarm. Ein Übermaß fördert die Bildung spezieller Bakterien und es kann sich Hufrehe entwickeln.

 

Entwicklung der Insulinresistenz

Durch die Fütterung von zuckerhaltigem Gras, Getreide oder melassehaltigen Futtermitteln steigt je nach dem Grad der Verdaulichkeit der Blutzuckerspiegel. Ein Abbau des Blutzuckerspiegels erfolgt entweder direkt in der Muskulatur über Bewegung oder über ein hormonell gesteuertes System. Insulin, gebildet in der Bauchspeicheldrüse dockt über einen sehr kompliziertes Molekül (Chromodulin) an Insulinrezeptoren an, sodass die Zelle willens und in der Lage ist Glukose aufzunehmen. Langjährige Überfütterung, Stress, Nährstoffmangel und zu wenig Bewegung sind letztendlich die Auslöser für die sogenannte Insulinresistenz. Der Körper  ist durchaus noch in der Lage reichliche Mengen an Insulin zu produzieren, die jedoch von der Zelle nicht mehr akzeptiert werden (eventuell auch durch fehlendes Chromodulin, ein kompliziert aufgebauter Biofaktor). Ein überhöhter Blutzuckerspiegel führt zur vermehrten Ausscheidung von Insulin, der Zucker verbleibt jedoch im Blut uund kann die Gefäße schädigen, die Zelle selbst ist energetisch unterversorgt.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand 2011 überarbeitet 2017 ©