Wenn die Füße wehtun kann das Cushing Syndrom eine Folge sein

Aktuell

Hufbearbeitung und Cushing -
gibt es hier einen Zusammenhang?

Bei immer mehr Pferden wird heute das Equine Cushing Syndrom aufgrund erhöhter ACTH-Werte diagnostiziert.

Der derzeitige Trend in der Pferdehaltung im Freizeitbereich geht dazu, die Pferde "barfuß" gehen - also nicht beschlagen - zu lassen. Gerade bei jungen Pferden in der Aufzucht und bei Zuchtstuten und Rentnern (wenn die Hufstruktur das zulässt) ist diese Form der Hufbearbeitung ohne Eisen in jedem Fall dem Beschlag vorzuziehen. Bei Reitpferden muss die Entscheidung, das Pferd mit Beschlag oder barfuß gehen zu lassen wesentlich differenzierter betrachtet werden.

Das wachsende Angebot an alternativen Hufbearbeitern und das sinkende Angebot an qualifizierten Hufschmieden führt dazu, dass gerade im Freizeitbereich immer mehr Pferde nicht beschlagen werden. Das kann in vielen Fällen gut gehen, aber leider in vielen Fällen auch nicht. Die Frage, ob ein Pferd barfuß gehen kann oder beschlagen werden sollte, ist mit seriösen Fachleuten im Zweifelsfall in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt zu klären. Eine ideologische oder fundamentalistische Haltung ist an dieser Stelle schwer zur verurteilen, da es sich hier vorrangig und ausschließlich um die nachhaltige Gesundheit des Pferdes handelt.

 

Auch wenn nicht sichergestellt ist, dass jeder staatlich geprüfte Hufbeschlagschmied auch nach 3 1/2 Jahren hocherfahren und fehlerfrei arbeitet und die Fühligkeit eines Pferdes einwandfrei feststellen kann, sollte dem Pferdebesitzer immer bewusst bleiben, dass es sich bei den auf das Barfußgehen von Pferden spezialisierten Anbietern wie z.b. Hufpfleger nicht um anerkannte Ausbildungsberufe, sondern um nicht geschützte Berufsbezeichnungen handelt, ähnlich vergleichbar der Berufsbezeichnungen Tierheilpraktiker oder Ernährungsberater.

 

Durch die rasante Entwicklung alternativer Berufsbezeichnungen (viele Pferdeliebhaber möchten aus ihrem bisherigen Berufsbild  aussteigen und mit Pferden arbeiten) ist ein unüberschaubares Angebot entstanden, dessen Qualität der Pferdehalter nicht mehr zu beurteilen in der Lage ist. Teilweise werden die Ausbildungen in einem mehrwöchigen Kurs von einem privaten Bildungsträger angeboten, zwingend ist der Besuch eines solchen Kurses jedoch nicht.

 

Fühligkeit ist ein Symptom für Schmerzen

Ist ein Pferd nicht in der Lage, schmerzfrei barfuß zu gehen, hat das entscheidende Nachteile für den Stoffwechsel des Tieres. Selbst wenn für Ausritte auf hartem Boden Hufschuhe benutzt werden, ist das Pferd die restlichen 22 Stunden des Tages im Konflikt mit einer möglichen latent auftretenden Fühligkeit.

 

Da Pferde selbst in schlimmsten Schmerzsituationen (Beinbruch, Sehnenanriss) keine Schmerzlaute von sich geben, nicht einmal ein Stöhnen, da sie sich als Fluchttiere damit in einer schwachen Situation verraten würden, nehmen Pferde die Fühligkeit (den Schmerz auf der Huflederhaut) lautlos hin. Da es sich hier oft um einen schleichenden Prozess handelt, nimmt der Pferdebesitzer diese Entwicklung meist nicht wirklich wahr. Konstante Schmerzsituationen lösen jedoch beim Pferd nachhaltig Stress aus.

 

Ausschüttung von Stresshormomen

In dieser Situation wird ein Stresshormon namens ACTH (Adrenokorticotropes Hormon) ausgeschüttet. Dessen Aufgabe es ist, die Nebenniere zur Bildung von Glukocorticoiden, also zum Beispiel Kortisol (wirkt entzündungshemmend) anzuregen. ACTH ist ein Bestandteil des Melanokortinsystems und ein zentrales regulatorisches Element in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, der sogenannten „Stressachse“.

 

Die Folge der dauerhaften Kortisolausschüttung zeigen sich dann in Symptomen wie schlechter Wundheilung, Augenentzündungen und Pilzerkrankungen (Cortisol unterdrückt das Immunsystem), erheblichen Vitalstoffmängeln ( die körperliche Verarbeitung von Stress erfordert eine große Reihe verschiedenster Cofaktoren), die sich in Störungen beim jährlichen Fellwechsel, zu langem, entfärbten und in manchen Fällen lockigem Fell zeigen können. Die Pferde schwitzen schnell, sind teilnahmslos

 

Entwicklung von ECS

Mit einer konstant erhöhten Ausschüttung des Stresshormons ACTH steigt die Gefahr der Entwicklung von Hufrehe (eventuell in vielen Fällen unterstützt durch eine latente Huflederhautentzündung) mit der Lösung der Lederhaut vom Hufhorn und damit einer möglichen Rotation bzw. Absenkung des Hufbeins. Die erhöhte Kortisolbelastung zeigt sich auch in Fettumverteilungen wie zum Beispiel  dem klassischen verdeckten Mähnenkamm oder Verdickungen im hinteren Bereich der Kruppe, aber auch durchhängenden Rücken, Abmagerung und Hängebauch. In diesen Fällen diagnostiziert der Tierarzt das Equine Cushing Syndrom (ECS) und verordnet umgehend ein Medikament, welches dem Pferd  ab diesem Zeitpunkt lebenslang verabreicht werden muss.

 

Arthrose und Magengeschwüre als Folgen von Fühligkeit?

Eine weitere Folge einer latent vorhandenen Fühligkeit können auch hochgradige Verspannungen mit der Entwicklung von Gelenksblockaden sein, die langfristig Arthrosen als Spätfolge im Schlepptau führen können. In leider nicht wenigen Fällen entstehen durch die stille Schmerz-Stress-Situation - für den Halter oft aufgrund reichlicher Heufütterung nicht nachvollziehbare - Magenprobleme bei Freizeitpferden, die eigentlich einem entspannten Leben entgegen sehen könnten.

 

Unabhängig davon, ob ein Pferd barfuß geht oder beschlagen ist, darf es unter keinen Umständen zu einer Fühligkeit kommen. Darauf hat der Pferdehalter und der Hufbearbeiter aus Tierschutzgründen zwingend zu achten!

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand Mai 2017©

 

 

 

 


 

 

Mark Walberg, staatlich geprüfter und anerkannter Hufbeschlagsschmied und Schmiedemeister bemängelt in der St. Georg Ausgabe Mai 2017, dass die Gefahr besteht, dass durch die kurze Lehrzeit und die Zuordnung der Schmiede zum Metallbau sowie immer mehr abweichende Berufsbilder eventuell bald keine qualifizierten Hufschmiede mehr geben könnte. Er weist in diesem Artikel darauf hin, dass im aktuellen Hufbeschlagsgesetz aus dem Jahr 2006  der Gesetzgeber versucht hat gegen die uneinheitliche Entwicklung der Berufsbilder, im wesentlichen Huftechniker, Huforthopäden und Hufpfleger durch eine einheitliche gesetzliche Bestimmung zum Wohle des Tieres entgegenzuwirken. Weil neben dem Hufbeschlagschmied zunehmend Berufe entstanden sind, sei nach Ansicht der Bundesregierung die Einhaltung der tiergesundheitlichen und tierschutzrechtlichen Mindestanforderungen nicht mehr garantiert. Gestützt wurde diese These von Tierärzten und Amtstierärzten, die "von erheblichen Problemen durch die nicht fach- und sachgerecht ausgeführte Hufbehandlung durch Huftechniker und Hufpfleger berichteten". Das Bundesverfassungsgericht musste im Sinne der Berufsfreiheit  schließlich dem Einspruch der Beschwerdeführer (verschiedene Huftechniker und Hufpflegerverbände) stattgeben, so dass die Berufsbezeichnungen Huforthopäde, Huftechniker und Hufpfleger erhalten bleiben dürfen. Lediglich der Hufbeschlagschmied ist das einzige Berufsbild, dem es per Gesetz erlaubt ist alle Arbeiten am Huf zum Schutz und Erhalt auszuführen. Hufpfleger, Huftechniker und Huforthopäden haben teilweise sehr eingeschränkte Tätigkeitsberechtigungen, was sie in der Entscheidungsbegründung des Verfassungsgerichts als weniger qualifiziert einstuft, aber die Berufsbezeichnung tragen lässt. Während der Huftechniker und Huforthopäde durchaus befugt ist, Kunststoffbeschläge oder Klebebeschläge aufzubringen, dürfen Hufpfleger nur eine Barhuf-Bearbeitung durchführen. 

 

Während der Schmied alle Optionen offen hat so Mark Walberg, sind die anderen Berufsbilder in ihren Empfehlungen sehr eingeschränkt, da sie per Gesetz alle anderen gar nicht ausführen dürfen. Damit ist eine objektive Beratung des Pferdebesitzers und eine nach Gegebenheiten zu erbringende Leistung laut Walberg nicht wirklich möglich.


 

 

 

 


Hier die Stimme von

Jan Gerd Rhenius, Vorstandsmitglied des 1. Deutschen Hufbeschlagsschmiedeverbands

Es ist nicht akzeptabel unseren Hauspferden vermeidbare Schmerzen zuzumuten. Wenn Hufe schmerzhaft sind, etwa aufgrund von starker Abnutzung, Stoffwechselproblemen, Erkrankungen oder allgemeiner Empfindlichkeit, dann ist Hufbeschlag ein geeignetes, wirksames, Mittel. Dies muß nicht zwangsläufig das klassische, genagelte, Hufeisen sein. Es gibt genügend alternative Materialien und Befestigungsmethoden. Wer alle diese Möglichkeiten kategorisch ablehnt, der muß schon sehr ideologisch denken. Allerdings möchten wir Hufbeschlag nicht als Allheilmittel verstanden wissen. Jedem Beteiligten sollte klar sein, daß damit auch eine Symptomunterdrückung möglich ist. Solange die eigentliche Ursache zeitgleich behandelt wird ist das auch gerechtfertigt, denn Bewegungsfreude ist einer der Schlüssel zu Gesundung der Pferde. Langfristig, bei optimiertem Gesundheits-, Haltungs- und Fütterungsmanagement, sollte die Hufversorgung bedarfsgerecht sein. Dies kann ein notwendiger, bzw. zweckgebundener Hufbeschlag sein, oder natürlich die Rückkehr zum Barhuf.