Protein in der Pferdefütterung

Die Zusammensetzung entscheidet über den Erfolg

Pferde benötigen Eiweiß um Muskulatur aufzubauen, zu wachsen und sich zu entwickeln. Die Entwicklung der Gewebe hängt ab von der Eiweißstruktur.

Eiweiß fällt in der Weender Analyse unter den Begriff Rohprotein. Was Eiweiß als Nährstoffgruppe auszeichnet ist der Gehalt an Stickstoff, der sonst weder in Fett, Fasern Kohlenhydraten oder Alkohol auftaucht.

Essentielle Aminosäuren

Eiweiße, fachlich auch Proteine genannt, sind Aneinanderreihungen einzelner Aminosäuren. 20 verschiedene Aminosäuren sind bekannt. Ein Teil davon kann im Körper selbst hergestellt, einige Aminosäuren (wie Lysin, Methionin, Tryptophan, Leucin, Isoleucin, threoin, Valin, Histidin und Phenylalanin) sind jedoch essentiell und können nur auf dem Wege der Ernährung zugeführt werden.

Nach der Verkettung liegen die Aminosäuren meist in knäuelähnlichen Strukturen als Protein vor. So werden sie auch aus pflanzlicher Nahrung vom Pferd aufgenommen und im Rahmen der Verdauung im Magen mit Hilfe von eiweißspaltenden Enzymen (Proteasen) wieder in die einzelnen Aminosäuren zerlegt. Die Resorption der zerlegten Proteine erfolgt im Dünndarm. Danach gelangen sie in die Leber, wo ein Teil der Aminosäuren entsprechend genetischer Vorgaben zu körpereigenem Eiweiß (zum Beispiel Muskeleiweiß) zusammengebaut werden oder der Energiezufuhr zugeführt werden. Letzteres passiert in hohem Maße, da die Eiweißzufuhr in der Pferdeernährung den tatsächlichen Bedarf oft übersteigt.

Nicht nur Muskelmasse

Aus den verdauten Aminosäuren werden nicht nur Körpereiweiß wie  Muskel- oder Bindegewebseiweiß aufgebaut. Das Eiweiß wird ebenso benötigt, um die Bildung und die Regeneration des Immunsystems, der Enzyme, Hormone, der Erbsubstanz (Nucleinsäuren) in den Zellkernen oder den Phospholipide zum Aufbau der Zellmembran zu ermöglichen. In Krisenzeiten wird Protein auch zur Energieversorgung (1 g Eiweiß liefert 17,2 kJ bzw. 4,1 kcal) herangezogen.

Stickstoff bleibt übrig

Aminosäuren bestehen aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und einer Stickstoffgruppe (N). Die Aminosäuren Methionin und Cystein verfügen zudem über eine Schwefelgruppe (S). Der Stickstoff wird allerdings im Körper nur zum Aufbau von Aminosäuren bzw. Proteinen genutzt und trägt auch in keiner Form zur Energiegewinnung bei. Die Stickstoffgruppe muss aus dem Körper entfernt werden, wenn er bei anfallenden Umbauarbeiten oder einer energetischen Verwertung des Proteins nicht mehr nötig ist. Dann wird er in Harnsäure und schließlich in der Leber in Harnstoff umgewandelt und über die Nieren ausgeschieden.
Zu viel Eiweiß kann belasten

Dieser Prozess ist nicht nur energieaufwendig. Der Umbau der Stickstoffgruppe der Aminosäuren in Harnstoff kostet unter anderem über das Enzym Arginase auch Manganreserven. Der Stoffwechsel wird bei einem langfristigen Überangebot mit Protein, z.B. durch zeitlich unbegrenzten Weidegang, rohfaserarme Silage, Heu aus zweitem Schnitt oder einem Überangebot an Hafer (zum Beispiel mehr als 1,2 Kilogramm Hafer pro 100 Kilogramm Körpermasse) stark belastet. Leber und Nieren müssen auf Hochtouren arbeiten, um den Überschuss an Stickstoff aus dem Körper zu entfernen.

Werden Proteinfragmente aufgrund zu hoher Anflutungen nicht mehr im  Dünndarm resorbiert, werden sie in den Dickdarm weitergeleitet und dort mikrobiell umgesetzt. Dabei entstehen Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Merkaptane (leicht flüchtige organische Verbindungen) sowie gefährliche biogene Amine (Histamin, Cadaverin etc.), die über die Darmschleimhaut aufgenommen werden und über die Leber abgebaut werden müssen.
Daher gehört zur Kunst der Pferdefütterung zwischen Eiweißmenge und - qualität zu unterscheiden und die Eiweißmenge dem Alter und der sportlichen Betätigung anzugleichen.

Mehr vorhanden, als gebraucht wird

Die wissenschaftliche Literatur gibt eine Empfehlung von 0,5 bis 1 g verdaulichem Eiweiß pro Kilo Lebendgewicht an, wobei der Eiweißbedarf mit steigendem Lebendgewicht sinkt. In diesem Fall benötigt ein 600 Kilogramm schweres Pferd 300 bis 600g Eiweiß.

Der Bedarf eines Pferdes an Eiweiß kann aber auch etwas genauer angegeben werden, wenn man den Bedarf nach seiner Arbeitsleistung (5g Rohprotein pro Megajoule) berechnet. So benötigt ein 600 Kilogramm schweres Pferd, das leichte Arbeit (normale Reitstunde) verrichtet und einen Energiebedarf von etwa 80 MJ Energie hat, 400g Eiweiß.

Die übliche tägliche Eiweißzufuhr übersteigt allerdings in der Praxis die Empfehlung bei weitem. Daher wird eine Faustzahl von 2 Gramm pro Kilo Lebendgewicht als tolerierbar angegeben.

Der Eiweißbedarf steigt stark an bei hochträchtigen (mind. 500 Gramm pro Tag) und noch mehr bei laktierenden Stuten (bis 1200g). Erfahrungsgemäß kann durch eine höhere Eiweißqualität (mehr essentielle Aminosäuren)  bei der Eiweißmenge gespart werden und so der Stoffwechsel der Stute entlastet werden. Auch heranwachsende Fohlen haben einen hohen Eiweißbedarf (um die 600g in den ersten drei Jahren).

Proteinlieferanten kein Problem

Heu enthält einen Rohproteinanteil von 8 bis 10 Prozent. Füttern wir ein 600 Kilogramm schweres Pferd mit 7 Kilogramm Heu, was durchaus üblich ist, so haben wir hier schon eine Proteinzufuhr von über 500g.
Füttert man nun ein Kraftfutter mit 12 Prozent Rohprotein (z.B. Hafer) mit einer täglichen Fütterungsmenge von 3 Kilogramm, so führen wir nochmals 360g Eiweiß hinzu.

Weidegras enthält etwa 9 bis 15 Prozent Eiweiß in der Trockensubstanz, das heißt, dass ein Pferd mit je fünf Kilogramm frischem Weidegras auch  90g bis 150g Eiweiß aufnimmt. Auch beim relativ kurzen Weidegang werden oft 20 Kilogramm Weidegras aufgenommen, was einer Eiweißzufuhr von über 400g entspricht. Hohe Eiweißzulagen können eine längere Zeit nur dann gut verkraftet werden, wenn auch die Spurenelementzulagen in die Ration passen. So kann der enzymatisch bedingte Um- und Abbau der Aminosäuren reibungslos und ohne den Zugriff auf körpereigene Ressourcen erfolgen.

Eiweißgehalte senken

Die Kunst der Pferdefütterung besteht darin, eiweißarme und nährstoffreiche Elemente in die Futterration einzubauen und so langfristig hohe Proteinanflutungen zu vermeiden. Dazu gehört an erster Stelle gutes Futterstroh, beispielsweise Haferstroh  mit drei Prozent Rohprotein, das mit etwa zwei bis drei Kilogramm täglich in die Ration einbezogen, dem Pferd Energie und eine reiche Spurenelementversorgung liefert. Dafür kann die Heuration um beispielsweise eineinhalb Kilogramm gekürzt werden.

Öle sind gänzlich eiweißfrei und liefern neben Energie auch wertvolle Begleitstoffe. Gerne können täglich bis 150 Milliliter zugefüttert werden und ersetzen damit fast ein halbes Kilogramm Hafer. Die guten alten Zuckerrübenschnitzel gehören ebenso zu den eiweißarmen Futtermitteln. Wärmebehandelte Maiskörner (z.B. Maisflocken) gehören zu den eiweißärmsten Getreidearten und stellen einen Ausgleich zur reinen Haferfütterung dar. Allerdings sollte die Maisfütterung 20Prozent der Getreidefütterung nicht überschreiten. Reich an Eiweiß sind junges Weidegras, Luzerne, Extraktionsschrote,  Sojaprodukte und Mais- oder Weizenkleber.

Eiweißmangel

Es ist in unseren Regionen fast unmöglich, beim Pferd einen Eiweißmangel zu provozieren. Er könnte gegebenenfalls durch eine reine Strohfütterung, sehr wenig und spät geerntetes, sowie zu lange gelagertes Heu induziert werden. Ein Eiweißmangel beim Pferd ist extrem selten, wahrscheinlicher sind minderwertige Eiweißqualitäten durch einseitige Futterzusammenstellungen. So könnten schwankende Verdaulichkeiten der Proteinfraktion des Heus möglicherweise zu Defiziten in der Versorgung essentieller Aminosäuren, wie zum Beispiel Lysin führen.
Ein Eiweißmangel führte zur Verminderung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sowie Muskelabbau. Lediglich bei jungen Tieren, die kein Weidegras oder zu wenig Heu gefüttert bekommen, könnte ein Eiweißmangel zu Wachstumseinschränkungen führen.

Niedrige Eiweißgehalte im Blutbild sind kein Anzeichen für einen Eiweißmangel sondern für eine mangelhafte körpereigene Eiweißproduktion der Leber und werden gerne missinterpretiert.

 

Dr. Susanne Weyrauch 2011 ©

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