Selenmangel beim Pferd richtig einschätzen

Selen - Schutz für die Zellen

Ein Nährstoff mit antioxidativer Wirkung

Selen gehört mit Sicherheit zu bekanntesten Spurenelementen. In Verbindung mit Vitamin E war diese Kombination eine der beliebtesten Futterergänzung, die von Tierärzten bereits in den 80iger Jahren häufig zur Behandlung von Muskelproblemen empfohlen worden ist. In der Hoffnung auf raschen Erfolg gefütterte Überdosierungen und damit einhergehende Krankheitsfälle brachten Selen kurzfrisitig in Verruf. Durch die Veränderung der Referenzwerte gelten heute sehr viele Pferde als Selenmangel behaftet.

Seine wohl bekannteste und wichtigeste Bedeutung hat das Selen als Zentralatom im Zellschutz. Selen ist der Cofaktor des Enzyms Glutathion-Peroxidase, das mit seiner antioxidativen Wirkung vor allem den Zellkern vor Entartung schützt.

Mithilfe der Glutathion-Peroxidase werden auch  überschüssige Elektronen aus der enzymatischen Entgiftung der Mitochondrien final entsorgt (Entschärfung aggressiver Verbindung im Rahmen der Sauerstoffumsetzung durch die Superoxiddismutase).

Dadurch erklärt sich auch die Bedeutung der selenabhängigen Glutathion-Peroxidase für Muskeln und die Herztätigkeit. Wenn durch Muskelarbeit freie Radikale und andere Stoffwechselzwischenprodukte entstehen, entfernt das Enzym rasch diese freien Elektronen, so dass eine Zerstörung innerer Organe durch  Entzündungen und Infektionen abgepuffert werden. 

Selenmangel

Der Selenbedarf steigt mit der LeistungsanforderungWesentlich betroffen vom Selenmangel ist die quergestreifte Muskulatur. Während bei erwachsenen Tieren ein Mangel zunächst mit Leistungsdefiziten, Verspannungen und in seltenen Fällen auch mit Durchfall einhergeht, ist der Selenmangel für Fohlen drastischer. Es kommt zu Wachstumsverminderungen, Herzstörungen und verminderter Saugaktivität sowie Bewegungsstörungen. Aus diesem Grund alleine schon zeigt sich die bedarfsgerechte Mineralisierung der Stute von einer drastischen Seite. Selen ist an der Bildung von Antikörpern und wichtigen Botenstoffen beteiligt. Daher führt ein Selenmangel zu Immunschwäche, zu verstärkter Krankheitsanfälligkeit und Allergieneigung. Selen wird als Cofaktor in Enzyme eingebaut und hat so eine starke Auswirkung auf viele Stoffwechselprozesse. Darunter fallen die Fruchtbarkeit, die Leberentgiftung, das Funktionieren der Schilddrüse, das Wachstum und die Haar- bzw. Fellbildung.

Weitere mögliche Symptome des Selenmangels

Zu den Symptomen des Selenmangels können unter Umständen auch Haarbruch, das gefürchtete Sommerekzem oder Steifigkeit der Hinterhand (Ataxie) zählen. Da insbesondere Fohlen häufig betroffen sind und unter Muskelabbau leiden könnten ist bei der  Stutenfütterung auf eine ausreichende Versorgung mit Selen zu achten.

Zu niedriger Selengehalt im Grundfutter

Die Selengehalte im Grundfutter in Deutschland sind niedrig und das natürliche Nord-Süd-Gefälle führt vor allem im Süden zu besonders starken Selenmangelsituationen. Dazu kommt, dass die vermehrte Schadstoffbelastung in der heutigen Zeit mit Schwermetallen wie Cadmium, Blei, Zinn oder Quecksilber einen Mehrbedarf an Selen entstehen lässt. Durch die Verfütterung stark schwefelhaltigen Verbindungen (MSM) kann der Bedarf an Selen steigen, da Schwefel, neben Calcium und Kupfer als Antagonist gilt.

Selenbedarf

Der tägliche Selenbedarf liegt bei 0,1 bis 0,2 mg je Kilogramm aufgenommener Trockensubstanz, sprich bei einem 600 Kilogramm schweren Pferd, das etwa neun bis elf Kilogramm Trockensubstanz aufnimmt bei 0,9 bis 2 mg Selen pro Tag. Der Bedarf an Selen wird durch die Aufnahme fetthaltiger Futtermittel erhöht und kann durchaus auf über 2 mg pro Tag steigen. Ebenso steigt der Selenbedarf im Rahmen sportlicher Hochleistungen, Stress und andere oxidativer Prozesse. In der Hochträchtigkeit sollten der Stute mindestens 2 Milligramm pro Tag zugestanden werden.

Selen steht in Verbindung mit anderen Spurenelementen

Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf die Wechselwirkungen unter den antioxidativ wirkenden Enzymen zu legen. Im Rahmen der Sauerstoffbindung in den Erythrozyten (roten Blutkörperchen) entstehen unentwegt reaktive Sauerstoffradikale, auch Superoxid-Ionen genannt. Zur Entschärfung dieser aggressiven Verbindung lässt das zink-, kupfer- oder manganabhängige Enzym Superoxid-Dismutase eine Übertragung des überschüssigen Elektrons auf sich zu. Mithilfe der selenabhängigen Glutathion-Peroxidase wird das überschüssige Elektron final entsorgt.

Es besteht aber auch die Gefahr, dass bei einem Mangel an anderen Spurenelementen Selen regelrecht verheizt wird. Der Einsatz von Monopräparaten sollte bei Selen nur unter Überwachung durch den Tierarzt erfolgen. Besser geeignet sind ausgewogene, in Ihrer Zusammensetzung bewährte spurenelementhaltige Produkte mit hoher Bioverfügbarkeit, da sonst eine reine Selentherapie nur ins Leere führt und die Gefahr einseitiger Überdosierungen gerade bei diesem nicht ganz ungefährlichen Element billigend in Kauf genommen wird.

"Geringe therapeutische Breite"

Ein Selenmangel wird relativ oft im Blutbild festgestellt. In den meisten Fällen sorgt der Tierarzt für raschen Ausgleich unter Wiederholung der Blutuntersuchung nach vier bis sechs Wochen. Die Resorption von Selen scheint sehr rasch zu erfolgen.

Wenn bei deutlichem Selenmangel auch die Leberwerte deutlich angestiegen sind und damit eine Schädigung der Leber anzeigen, gestaltet sich der Ausgleich der Blutwerte von Selen oft sehr schwierig. Hier wäre vorrangig darauf zu achten, leberentlastende Maßnahmen zu treffen (qualitativ hochwertiges Heu und Stroh einsetzen, Fertigprodukte ohne Konservierung oder Aromastoffe wählen).

Steigen die Selenwerte trotz ständiger Selenzufuhr nicht, liegt der Verdacht nahe, dass Selen durch seine antioxidative Tätigkeit die Arbeit anderer antioxidativ wirkender Metalloenzyme übernimmt. Daher sollte ein Blutbild niemals einseitig betrachtet werden und auch die anderen Mineralstoffwerte in Blut mit in die Beurteilung hineingezogen werden. Dazu zählen auch Zink, Kupfer und Mangan. Der Manganwert im Blut sollte bei wenigstens 1,8µg/l im Blut liegen.

Selenüberdosierung

Zu hohe Selenwerte im Blut lassen Tierarzt oder Pferdebesitzer oft erschrecken. In jedem Fall sollte zunächst Ruhe bewahrt werden. In den allermeisten Fällen wurde tags zuvor noch ein selenhaltiges Mineralfutter gegeben, sodass sich die Homöostase im Blut noch nicht einpendeln konnte. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig zur korrekten Beurteilung der Spurenelementwerte vor der Blutentnahme eine 3 bis 5 tägige Mineralien- und Spurenelementkarrenz einzuhalten, also mineralisierte Müsli- und Ergänzungsfutter einfach mal wegzulassen.

Selen kann allerdings auch leicht überdosiert werden und führt bei einer täglichen Aufnahme von über 10 Milligramm pro Tag zu Vergiftungen. Dann können hohe Selenmengen in Haaren und Hufen nachgewiesen werden. Aus diesem Grund sollte die Fütterung von Selen-Mono-Präparaten engmaschig durch den Tierarzt überprüft werden.

Da jedoch eine zu geringe Fütterung von Selen zu einem Mangel führen kann und die Speicherung über Leber und Niere begrenzt scheint, sollte das Pferd täglich und konsequent im Rahmen einer hochwertigen Mineralisierung mit einer ausreichenden und angepassten Menge an Selen gefüttert werden.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand 2011 überarbeitet 2016©

Zum Shop
Verstanden

Wir verwenden Cookies, um unsere Webseite für Sie möglichst benutzerfreundlich zu gestalten. Wenn Sie fortfahren nehmen wir an, dass Sie mit der Verwendung von Cookies auf unserer Webseite einverstanden sind. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.