Wenn Pferde abmagern

Unterschiedliche Gründe können dazu führen, dass Pferde an Gewicht verlieren

Auch wenn heutzutage eher mit den Erscheinungen von Übergewicht beim Pferd gekämpft wird, gibt es immer wieder Fälle, in denen Pferde ohne ersten ersichtlichen Grund abmagern.

Ein Pferd gilt als mager, wenn man seine Rippen sieht und sich die Hüftknochen deutlich hervorheben. Es ist sehr mager, wenn im Lendenbereich deutlich einzelne Wirbel hervorstehen und sich tiefe Gruben seitlich des Schweifes eingraben. Von einem kritischen Zustand spricht man, wenn bereits die Bemuskelung der Energieversorgung zum Opfer gefallen ist.

Natürlich gibt es Rasseunterschiede, so dass bei Pferden mit hohem Blutanteil (Araber, Vollblüter) eine superschlanke Figur eher toleriert wird als bei Fjordpferd, Haflinger oder Shettys, bei denen man von vorne herein ein rundliches Aussehen erwartet.

Finanzielle Not oder Gedankenlosigkeit

Die finanzielle Notsituation mancher Pferdehalter kann dazu führen, dass Pferde abmagern. Es ist eine langsame Entwicklung, die oft durch die Sommermonate, in denen noch Wiesengras zur Verfügung steht, aufgehalten oder verzögert wird. Pferde, die sehr nahe am Hungern sind, wirken sehr verspannt. Die Bewegungen wirken trotz Kraftlosigkeit sehr hölzern. Der Stoffwechsel arbeitet auf Sparflamme, dadurch werden auch die Entgiftungsvorgänge im Körper blockiert. Reservefett und Muskeleiweiß werden in den Energiestoffwechsel eingeschleusst und belasten die Leber. Ketone aus dem Fettabbau, Harnstoff aus dem Eiweißabbau und andere Stoffwechselmetabolite belasten auch die Nieren und übersäuern den Körper.

Zu wenig Futter oder Krankheit

Es gibt verschiedene Gründe, warum Pferde abmagern. Neben medizinischen Problemen wie Wurmbefall, Zahnproblemen oder Schmerzen (bedingt durch Arthrosen oder Fühligkeit), die unbedingt vom Tierarzt abzuklären sind, ist der Mangel an Energie die Ursache für ein mageres Pferd.

Nun hängt der Energieumsatz beim Pferd nicht unbedingt davon ab, wie viel gefüttert, sondern was gefüttert wird bzw. was den Stoffwechsel verhindert, die zugeführte Energie auch umzusetzen. Daher kann ein Nährstoffmangel an nichtenergieliefernden Nährstoffen (Vitamine, Mengen- und Spurenelemente) bei einem mit offensichtlich mengenmäßig ausreichend energiegefütterten Pferd zu einer Abmagerung führen.

Raufutter

Die kontinuierliche Raufutterversorgung durch Heu, Gras und Stroh ist eine Bedingung für eine geregelte und artgerechte Energieversorgung für das Pferd. Im Herbst kann bei robust gehaltenen Pferden der schleichende Rückgang der Vegetation auf der Weide in Verbindung mit kalten Nächten ursächlich für den Gewichtsverlust  sein. Prinzipiell spielt die Menge an Raufutter eine wesentliche Rolle bei der Gewichtsentwicklung des Pferdes. Heu bzw. Gras,  aber auch Stroh liefern große Mengen an Cellulose, Hemicellulose oder Pektin, die über die bakterielle Umsetzung im Dickdarm in flüchtige energiereiche Fettsäuren umgewandelt werden. Die kurzkettigen Fettsäuren werden entweder direkt zur Energiegewinnung verwendet oder in Speicherfett umgewandelt. Raufuttermangel führt zur Beeinträchtigung der Darmflora und damit zu einer gestörten Nährstoffausbeute.

Leider zeigt sich immer wieder, auch wenn eine getreidefreie Fütterung gepredigt wird, Das Rauffutter alleine gerade im Fellwechsel oder in der Zeit des Übergangs zur kalten Jahreszeit nicht genügt.

Viele Voll- und Warmblüter sind selbst bei Robusthaltung auf die Zufuhr von Getreide angewiesen. Der Bedarf an Getreide steigt mit sinkenden Temperaturen und vermehrter Beanspruchung.

Das Verhältnis von Raufutter zu Getreide ist  wichtig und sollte zwei zu eins niemals unterschreiten. Ein Überschuss an Getreide stört das sensible Gleichgewicht im Darm. Dann wird langfristig auch ein angeblich gut gefüttertes Pferd mager. Das Getreide sollte hoch aufgeschlossen sein, lediglich beim Hafer kann ganzes Kon gefüttert werden.

Bewegung relativ

Stimmt das Verhältnis zwischen Energieaufnahme und körperlicher Betätigung nicht, dann wird ein Individuum entweder fett oder mager. Wird der Energiebedarf eines Pferdes, das körperlich viel leistet, nicht gedeckt, nimmt es ab. Die Anpassung der Fütterungsmenge an die Arbeitsleistung erfolgt mit „dem Auge des Herrn“ oder kann theoretisch berechnet werden. Dafür gibt es entsprechende Fütterungsempfehlungen. Faktoren wie Stress, Lebergesundheit, Futterverwertung oder Darmtätigkeit sind unbekannte Variablen, die einen mathematischen Ansatz erschweren. Ein Mangel an nichtenergieliefernden Nährstoffen (Cofaktoren für enzymatische Stoffwechselvorgänge) wirkt wie eine Bremse auf den gesunden Stoffwechsel. Eine nicht bedarfsgerechte Mineralisierung führt in jedem Fall in eine Sackgasse.

Stress als Nährstoffkiller

Die in Stress-Situationen gebildeten Hormone Adrenalin und Noradrenalin haben einen blutzuckersteigernden Effekt. Sie erhöhten die Herzfrequenz und den Blutdruck, Erweiterung die Bronchien und setzen Energiereserven frei. Stress kann also zu Abmagerung führen, was sich bei Hengsten im Deckgeschäft und Turnierpferden nach dem Wochenende erkennen lässt.

Bei Turnierpferden sind der Transport und die erhöhte körperliche Leistung zusätzliche Energieräuber neben etwaiger psychischer Belastungen. In Stresssituationen steigt der Bedarf an den Vitaminen des B-Komplexes, der Bedarf an Magnesium und den Spurenelementen Zink, Kupfer, Selen, Chrom und Mangan. Stress hat eine große Wirkung auf den Stoffwechsel und kann nicht alleine durch vermehrte Futtergabe wettgemacht werden. Kälte führt ebenso zu einem höheren Energiebedarf.

Stress-Situationen entstehen aber auch in Herdenhaltungen durch zu große Herden, zu wenig Platzangebot und dadurch zu wenig Rückzugsräume für schwächere oder ältere Pferde oder diejenigen, deren Selbstbewusstsein weniger ausgeprägt ist.

Mager ins Alter

Viele Pferde magern ab, wenn sie älter werden. Ob nun Zahnprobleme im Vordergrund stehen oder ein beeinträchtigter Stoffwechsel, meist hervorgerufgen durch langjährige Nährstoffdefizite, vorliegt, Fakt ist, dass sich allgemeine Nährstoffmängel im Alter manifestieren. In vielen Fällen hat sich ein Zink- oder Manganmangel über die Jahre entwickelt, der zu einer mangelnden Regeneration der Darmschleimhaut führt und dadurch die Futterverwertung beeinträchtigt. Es kommt zur Abmagerung oder Mäkeligkeit. Ebenso kann ein Mangel an Vitamin B12 zu Störungen der Darmflora führen und den Nährstoffaufschluss behindern. Magnesiummangel lässt Pferde regelrecht "austrocknen". Diese Nährstoffdefizite beobachtet man auch häufig bei Pferden, die aus Osteuropa importiert wurden.

Zahnarzt und Wurmkur

Wir ein Pferd von Tag zu Tag beobachtbar magerer, sollte zunächst die Raufutterration überprüft werden. Heu sollte gewogen werden. Erhält das Pferd mindestens 1,2 bis 1,5 kg Kilogramm Heu je 100 Kilogramm Körpergewicht pro Tag?

24 Stunden Heu von minderwertiger Qualität sind kontraproduktiv. Die Belastung mit Schimmelpilzen und Schadbakterien führt zu einer enormen Belastung des gesamten Stoffwechsels. Silage bzw. Heulage führen kurzfristig zu einer Verbesserung der Futtersituation, die Belastung mit biogenen Aminen jedoch führt eine Reihe von Stoffwechselproblemen im Schlepptau, mit denen spätestens ein Vierteljahr später zu kämpfen ist.

Ist Stroh zur freien Verfügung vorhanden? Stroh wird als Rauffutter komplett unterschätzt. Pferde, die jedoch nicht bedarfsgerecht mineralisiert sind können unter einer hohen Strohfütterung Verstopfungskoliken entwickeln.

Der Tierarzt sollte die Zähne kontrollieren und zum etwaigen Verabreichen einer Wurmkur beauftragt werden. Dabei spielt die jährliche Wurmkur gegen den Bandwurm eine wichtige Rolle. Eine bedarfsdeckende Fütterung ist grundlegend, dabei ist vor allem an Magnesium und Zink zu denken.

Kein gedankenloses Aufmästen!

Soll nun zusätzlich der Anteil an energiereichen Futtermitteln erhöht werden ist Vorsicht geboten. Eine Auffütterung muss ausgewogen und schonend erfolgen. Heu kann ad libitum, also ohne Begrenzung angeboten werden.

Sanfte Zulagen von Getreide und Öle in Maßen (bis 200 ml auf den Tag verteilt) sind vertretbar, sofern keine Übertreibungen in die eine oder andere Richtung erfolgen und die Gesamtration auf mehrere kleinere Mahlzeiten verteilt wird, denn dann könnten gegenteilige Effekte wie Verdauungsbeschwerden oder nur kurzfristiger Nutzen resultieren.

Abzuraten ist die alleinige Fütterung von Futtermitteln wie Mais, Brot oder Öl, um das Pferd aufzumästen. Die Fütterung von Mais wird problematisch, wenn der Mais nur gebrochen oder schlimmstenfalls ganz verfüttert wird. Besser sind hochaufgeschlossene Maisflocken. Im Allgemeinen gilt: je höher der Getreideaufschluss, desto geringer die Darmbelastung. Das gilt auch für Getreide wie Gerste, Weizen oder Dinkel (Hafer ist unproblematisch auch unverarbeitet fütterbar). Unverdaute Stärkeanteile  können den Dickdarm übersäuern und zur Bildung von Gasen führen. Schlimmstenfalls kommt es zur Bildung von Giften im Darm, die die Hufrehe auslösen können.

Brot ist bereits hoch aufgeschlossenes Getreide und wird gerne zur letzten Mast vor dem Schlachten eingesetzt. Es sollte nur in Maßen (langfristig 1 bis 2 Kilogramm pro Großpferd) zum Auffüttern eines Reitpferdes eingesetzt werden.

Leicht verdaut – schnelle Gewichtszunahme

Fast in Vergessenheit geraten ist die wunderbar verdauliche Kombination aus schmackhaften Zuckerrübenschnitzel und Weizenkleie. Sie sind arm an Stärke aber reich an Pektin und Fasern, sie können ohne schlechtes Gewissen in großen Mengen gefüttert werden. Wenn ein Pferd mager ist und definitiv nicht an einer Insulinresistenz leidet, ist der Zuckergehalt  der  Rübenschnitzel zu vernachlässigen.

Öle sind bei moderater Futtermenge leicht verdaulich, dabei eiweiß- und  kohlenhydratfrei. Öl ist mit 9000 Kalorien pro Liter eine effiziente Energiequelle. Eine übermäßige Ölfütterung (mehr als 0,4 Liter pro Tag) darf nur schrittweise erfolgen und ist nicht wirklich eine Option. Die Leberbelastung durch Fette ist in Betracht zu ziehen.

Vernünftig bleiben

Wer ein abgemagertes Pferd aus schlechter Haltung kauft, sollte ganz vernünftig bleiben. Dem Wunsch, das Pferd jetzt so richtig satt zu füttern, darf nicht ohne weiteres nachgegeben werden. An erster Stelle ist Raufutter in Form von Heu zu füttern. Liegen Probleme bei der Aufnahme, wie z.B. „Röllchenbildung“ vor, sollten sofort die Zähne kontrolliert werden und Heutrockenprodukte gefüttert werden. Mit der Wurmkur darf noch gewartet werden, bis das Pferd ein wenig gestärkt ist. Als erstes Krippenfutter dürfen nur kleine Mengen Hafer, bzw. hochaufgeschlossene Getreidemischungen gefüttert werden, die täglich gesteigert werden. Ergänzungsfutter mit einem hohen Pektin- und Faseranteil (Kleien, Rübenschnitzel) machen Sinn. Auch Ölpresskuchen können aufgrund aufgrund der guten Aminosäurezusammensetzung  im Fertigfutter enthalten sein. Klassisches Mash mit Leinsamen, Weizenkleie, Hafer und Salz unterstützt die Verdauung und kann gerade in Notsituationen täglich verabreicht werden. Die Fütterungsfrequenz sollte in schweren Fällen kurzzeitig auf 5 bis 6 Mahlzeiten erhöht werden, um die Verdauung nicht zu belasten.

Mineralien- und Spurenelementdefizite dringend ausgleichen!

Nur langsam dürfen Arbeitsleistung und schließlich Getreidefütterung gesteigert werden. An größere Getreidemengen muss das Pferd erst allmählich gewöhnt werden. Einen ganz wichtigen Punkt darf man nicht außer acht lassen. In der Zeit des Hungers hatte das Pferd nicht nur eine defizitäre Energieversorgung, sondern auch eine äußerst knappe Versorgung mit Nährstoffen wie Mineralien, Vitaminen oder Spurenelementen.

Diese lange Zeit ohne bedarfsgerechte Versorgung führt zu erheblichen Mangelzuständen, die später durch eine „normale“ Fütterung nie mehr ausgeglichen werden können. Hier ist ein Mineralfutter gefragt, das besonders hochbioverfügbar und reich an Spurenelementen ist. Ein einseitiges Übermaß an bestimmten Nährstoffen verhindert die Aufnahme lebenswichtiger und stoffwechselrelevanter Spurenstoffe.

Appetitlos – wenn Pferde nicht fressen wollen

Manchen Pferden wird Fressen angeboten, aber es herrscht Appetitlosigkeit. Oft stecken dahinter Magen- und Leberprobleme. Daraus können Darmentzündungen resultieren. Auch ein Mangel an Vitamin B12- oder Zink führt zu Appetitlosigkeit bzw. „Mäkeligkeit“. Die Fresslust kann durch spezielle bitterstoffhaltige, leberentgiftende, galle- und verdauungsfördernde Kräuter angeregt werden. Fehlende Mineralien bzw. Spurenelemente lassen sich gut in hochmelassiertes Futter oder Rübenschnitzel einmischen.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand 2011 überarbeitet 2018©

 

Fotos: Fotolia/#Hunta

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