Ist der Nährstoffbedarf meines Pferdes gedeckt?

Warum Blutanalysen hier nicht immer die Lösung sind

Der tägliche Nährstoffbedarf eines Pferdes muss durch die tägliche Nährstoffzufuhr gedeckt werden. Dieser Satz klingt banal, ist aber die Grundlage für die Ernährung aller Individuen. Dahinter stecken Jahrzehnte naturwissenschaftlicher Forschung. Wie kann man aber feststellen, ob das Pferd bedarfsgerecht ernährt ist? Welche Möglichkeiten bieten Blutbilder, Haarmineralanalysen oder Futterberechnungen?

Auch wenn man den Nährstoffbedarf nicht aufs Gramm genau decken können wird, muss man das Pferd so gut wie möglich durch eine bedarfsgerechte Ernährung vor Nährstoffmängeln und damit einhergehenden Schäden bewahren.

Der in den letzten Jahren entstandene Trend,  Pferde "natürlich" zu mineralisieren,  hat zu den absurdesten Praktiken geführt. Ohne Bedarfszahlen vorzulegen werden über das Internet und in den sozialen Medien von selbsternannten Ernährungsspezialisten Empfehlungen an Pferdehalter gegeben, die leider jeglicher Grundlage entbehren. Es tummeln sich Firmen auf dem Markt, die Mineralfutter ohne Zusatzstoffe (Spurenelemente, Mineralien, Vitamine) verkaufen und dem Pferdehalter vorgaukeln, damit den geforderten Mineralstoffbedarf des Pferdes decken zu können. Zahlen findet man hier vergebens. Der Pferdebesitzer darf nur glauben, meinen, aber nicht wissen.

Andere wieder empfehlen, dem Pferd Äste oder Zweige, Rinden oder Moose anzubieten, um damit den Nährstoffbedarf zu decken (mit Sicherheit ein sehr schöner Zusatz von dem die Verträglichkeit noch geprüft werden müsste, liegt doch der Nährstoffgehalt jener Pflanzenteile nicht weit über Heu und müsste daher kiloweise oder sogar ausschließlich gefüttert werden, was der Natur des Pferdes nicht entspräche).

Absurditäten, die über das Internet verbreitet werden

Es gibt eine ganze Kommunity, die ohne Zahlen, ohne Mathemathik auskommt. Zu den witzigsten Absurditäten gehört die Fütterung von Paranüssen gegen Selenmangel unter dem Slogan "die Natur bietet uns alles". Der Selenbedarf wäre tatsächlich mit 600g Paranüssen gedeckt. Abgesehen von der Tatsache, dass ein Pferd vermutlich solche Mengen gar nicht fressen mag, noch verträgt würden die tägliche Kosten mit um die 15 Euro am Tag jedes Budget sprengen.

Die obskurste Theorie ist sicherlich die Warnung eines Tierheilpraktikers, nicht zu viele Bananen wegen des enthaltenen Kaliums zu füttern (in einem Kilo Bananen sind 4 g Kalium enthalten, das ist weniger als in einem kg gutem Heu).

Man könnte den ganzen langen Tag solche mehr oder weniger spaßigen Behauptungen zusammentragen, wären die Leidtragenden nicht die Pferde, die - wenn der Nährstoffbedarf nicht gedeckt wird - schleichend und langsam in eine Unterversorgung geraten, die aufgrund des unvermeidbaren Älterwerdens, nie mehr wirklich ausgeglichen werden können, zumal sehr viele heranwachsende Pferde bereits über die Mutter und dann in der Aufzucht Mängel erfahren haben. 

Während ein "Natürliches Füttern" vielleicht in den weiten Steppen Südamerikas oder Russlands denkbar wäre, kann das hier in Europa schwer werden, ein Pferd auf unseren seit wirklich Jahrhunderten lang landwirtschaftlich genutzen Flächen "artgerecht" zu füttern und das noch anbetracht der Tatsache, dass Pferde seit 1000 Jahren vom Menschen gezüchtet und damit verändert werden. Vom Oldenburger Hengstanwärter bis zum Zottelpony ist rassemäßig alles vertreten.

Wie kann uns eine Blutanalyse helfen?

Seit 1998 wurde die Überprüfung von Blutwerten auf Spurenelemente wie Zink, Kupfer und Selen forciert.  Dabei ging es nicht nur darum, festzustellen, ob ein Mangel im Blut vorhanden ist, sondern ob die Probleme des Pferdes mit dem Mangel in Zusammenhang stehen.

Ein Nährstoffmangel im Blut hat eine sehr große Bedeutung, ist doch der Körper bestrebt, im Blut die sogenannte Homöostase aufrechtzuerhalten, einem Gleichgewichtszustand, der dafür sorgt, dass alle Zellen des Körpers ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden können. Dieses Gleichgewicht wird dadurch erhalten, dass überschüssige Nährstoffe in Speicherorgane zurückgeführt werden, Nährstoffmängel wiederum aus diesen Speicherorganen bedient werden. Zu den wichtigsten Speicherorganen gehören die Leber und die Knochen. Aber auch der Darm, die Haut, die Nieren und viele andere Organe speichern spezifische Nährstoffe.

Erst wenn diese Speicher zum größten Teil geleert sind, treten im Blut Mangelerscheinungen auf. Aus diesem Grund kann die Blutanalyse eigentlich nicht zum Feststellen des Ernährungsstatus an sich, jedoch gut zum Erkennen eines frappierend in Mangels, der zu Krankheiten führen kann, herangezogen werden! Im Umkehrschluss bedeutet ein sich im Rahmen der Referenzwerte befindlicher Blutwerte nicht automatisch, dass die Fütterung zu diesem Zeitpunkt bedarfsgerecht ist. Leider wird dieser Denkfehler sehr oft gemacht.

Mineraliennüchtern Blut entnehmen!

Wichtig bei der Ermittlung von ernährungsbezogenen Blutwerten ist,  dass etwa mindestens 1 bis 2 Tage vor der Blutentnahme keine zusätzlichen Nährstoffe gefüttert wurden, sodass sich die Homöostase in Ruhe einpendeln kann.  Wird ein Pferd Tags zuvor mit Mineralfutter oder eine mineralisierten Kraftfutter gefüttert, kann die Gefahr bestehen, dass diese Gabe das Blutbild unmittelbar beeinflusst. Die Werte sind dann nicht wirklich aufschlussreich.

Die Haarmineralanalyse als Alternative

Die Haarmineralanalyse könnte gute Aufschlüsse über den Ist-Zustand geben, wenn ihre Referenzwerte auch wirklich schlüssig wären. Bei der Haarmineralanalyse besteht der berechtigte Zweifel, dass die Referenzwerte hinreichend ermittelt sind. Um Referenzwerte zu ermitteln muss man den physiologisch richtigen Wert für jedes Element, das getestet wird, wissen. Das geht nur, wenn eine hinreichend große Population mit einem optimalen Nährstoffstatus überprüft worden ist. Leider werden zur Ermittlung der Referenzwerte allzu oft Durchschnittspopulationen herangezogen, deren Individuen suboptimal ernährt worden sind. Meist ergibt das  zu große Toleranzen, sprich, ein Mangel wird nicht aufgedeckt. Fehler schleichen sich bei der Haarmineralanalyse durch äußere Faktoren ein (Überschüsse an bestimmten Mineralien, weil sich ein Pferd an einem metallenen Gegenständen gerieben hat). Die Haarmineralanalyse ist jedoch sehr gut geeignet, um bestimmte Vergiftungen (mit Aluminium, Blei, Cadmium) festzustellen. Eine wissenschaftliche fundierte Weiterentwicklung dieses Untersuchungssystems und seriöse Interpretationen der Ergebnisse könnten den Pferdehalter weiterbringen.

Die Berechnung der Futterration

Die sicherste und auch älteste Methode, eine optimale Ernährung für ein Pferd zu gewährleisten, ist die Berechnung der Futterration. Hier werden auf der Basis immer wieder aktualisierter Bedarfswerte ("Pferdefütterung" Meyer/Coenen oder GfE Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, DLG Verlag, 2012), die durch die Futterration aufgenommenen Nährstoffe gegenübergestellt. Dieses mathematische System birgt die geringste Gefahr, einem Nährstoffmangel zu unterliegen. Die Methode ist allerdings extrem aufwendig und erfordert gewisse mathematische Grundvoraussetzungen. Auch das Wissen um die Inhaltsstoffe der Futtermittel muss bekannt sein. Bei der Berechnung von Heu können ermittelte Durchschnittswerte zugrundegelegt werden.

Dies ist zwar der sicherste Weg herauszufinden, ob das Pferd bedarfsgerecht ernährt wird aber von allen der zeitlich aufwendigste! Schwankungen im Nährstoffbedarf müssen als Zulagen im Rahmen der Futterration dazugerechnet werden, dann mindern sich auch etwaige Fehler.

 

Dr. Susanne Weyrauch-Wiegand November 2016©

Foto: Fotolia: Datei: #89114902 | Urheber: Nadine Haase

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