Melasse -

der braune Saft, der Wunder schafft

Die Melasse gilt heute in der Pferdefütterung als die Ursache allen Übels. Das war jedoch nicht immer so. Früher war sie legitimer Bestandteil jeder Pferdefutterration des arbeitenden Pferdes. Melassierte Rübenschnitzel oder "Reformhafer" gehörten zu den üblichen Kraftfuttern für Pferde, die in der Landwirtschaft arbeiten mussten oder im Sport gingen.

Manchmal hilft eine nüchterne Betrachtungsweise, um nicht alles schwarz-weiß zu sehen. Als Christoph Kolumbus die Neue Welt entdeckte hatte er auf seinen Entdeckungsreisen immer Melasse dabei. Er wusste um den Nutzen des bei der Zuckergewinnung anfallenden mineralstoffreichen Stoffes. Für den Entdecker war es die „gesündeste und beste Nahrung der Welt“.

Melasse hat den höchsten nativen Chromgehalt aller Pferdefutter

Die aktuelle Diskussion um EMS, ECS und Hufrehe haben die Melasse leider in Verruf gebracht. Eigentlich war es nicht die Melasse selbst sondern melassierte Müslis, konserviert und aromatisiert, die mit hohem Stärkegehalt und Chemikalien den meist chronisch unterbewegten Pferden die Leber belasteten.

Die folgende Umstellung von Melasse auf Apfeltrester, Apfelsirup und andere zuckerhaltige Substanzen war und ist ein zweischneidiges Schwert und muss aus verschiedenen Gründen kritisch hinterfragt werden.

Was der Melasse eigen ist, ist die Tatsache, dass sie als Chromlieferant dient. Sie ist sogar der Chromlieferant in der Pferdefütterung! Melasse enthält ca. 2,6 mg Chrom pro Kilogramm, Hefe nur in etwa 0,05 bis 0,06mg pro Kilogramm. Wer auf melassiertes Futter verzichtet, muss bei seinem Pferd in der Ernährung einige Nachteile einstecken. Melasse verfügt über Inhaltsstoffe, die in dieser Kombination in keiner anderen Futterkomponente zu finden sind. Der Chrommangel gilt als ein Faktor der Entwicklung der sogenannten Insulinresistenz.

Alles außer Zucker

Die Melasse ist braun und zähflüssig. Die braune zuckerklebrige Creme ist kein Einzelfuttermittel sondern gelangt ins Pferdefutter, indem das Getreide oder die Pellets übersprüht und damit konserviert werden. Der Wert von Melasse als Appetizer ist hoch, denken wir an den klassischen Reformhafer. Eine andere Möglichkeit ist die Fütterung von melassierten Rübenschnitzeln.

Zuckerrübenmelasse entsteht bei dem - laut der Professoren Belitz und Grosch – „zu besonderer Vollkommenheit entwickelten“ Verfahren der Zuckergewinnung aus Zuckerrüben. Durch Waschen, Zerkleinern und Entsaften gewinnt man aus der Rübe einen Rohsaft, der über mehrere Stufen gereinigt wird, bis reiner Kristallzucker übrig bleibt. Jede „Veredelung“ des Zuckers führt zum Abscheiden scheinbar unwertiger Nebenprodukte, die in Wahrheit all das enthalten, was reiner Zucker nicht enthält. Und das ist viel. So viel, dass man aufgrund der Reichhaltigkeit ihrer Inhaltsstoffe die Melasse in den U.S.A. als Nahrungsergänzung für den Menschen verkauft.

Die Chromquelle

Melasse ist ein reines Naturprodukt und wird aus Zuckerrüben gewonnen. Sie ist reich an Mineralien und Sekundären Pflanzenstoffen. Neben ihrem Gehalt an Invertzuckern (wie Honig) ist insbesondere der Gehalt am Spurenelement Chrom hervorzuheben. Es mag verwundern, dass gerade Melasse zu den chromreichsten Futterkomponenten im Pferdefutter gehört. Die Werte schwanken zwar bodenabhängig, aber man kann mit gutem Gewissen von einem Chromgehalt von 2 bis 3 Milligramm pro Kilogramm Melasse ausgehen.

Chrom ist Bestandteil des Biomoleküls Chromodulin, welches als Glukosetoleranzfaktor gilt und der Zelle erst ermöglicht, Glucose aufzunehmen. Ein Chrommangel bzw. ein Fehler in der Bildung von Chromodulin gilt als der Hauptauslöser der  Insulinresistenz bei Pferden. Einflüsse auf den Energiestoffwechsel und die nervliche Belastbarkeit gehören ebenso zum breiten Wirkungsbereich dieses Spurenelements. Eine klassische Heu-Hafer-Stroh-Fütterung kann den Bedarf eines Pferdes an Chrom nicht im Entferntesten decken. Daher wurden frühere Rationen arbeitender Pferde grundsätzlich mit Melasse bzw. Rübenschnitzeln angereichert. Die Insulinsresistenz war daher nie ein Thema.

Rübenschnitzel

Melasse gehört zu den ganz leicht verdaulichen und eiweißarmen Futterbestandteilen, vor allem in Kombination mit pektinhaltigen Rübenschnitzeln. Der in der Melasse enthaltende Zucker wird rasch im vorderen Bereich des Dünndarms resorbiert und liefert vor allem die Energie für den Gehirn- und Nervenstoffwechsel. Tatsächlich enthält Melasse 48 Prozent Saccharose, sprich Rübenzucker, aber auch 40 Prozent Nichtzuckerstoffe. Der Zucker dient neben der biologischen Konservierung von Müslimischungen auch der Anregung des Appetits. Die Rübenschnitzel sind reich an Pektin und werden im Dickdarm fermentiert. Als Faserstoffe dienen sie dem Pferd der langfristigen Energiegewinnung und unterstützen damit das Ausdauertraining. In der Naturheilkunde wird die Melasse als basenbildend bezeichnet.

Ein freier Kopf

Das Zellgift Ammoniak, zum Beispiel als Stoffwechselprodukt einer zu hohen Eiweißzufuhr, kann zu Depressionen und Konzentrationsstörungen führen und muss rasch verstoffwechselt und ausgeschieden werden. Melasse enthält freie Aminosäuren, u.a. Glutamin und Glutaminsäure, die eine enorme Bedeutung im Gehirnstoffwechsel haben, da sie unter anderem eine ammoniakbindende und damit entgiftende Funktion für den Gehirnstoffwechsel haben.

Glutaminsäure ist ebenso an der Resorption chelatgebundener Spurenelemente beteiligt. Der mit ca. 5 Prozent hohe Anteil an Betain in der Melasse liefert dem Körper die Grundlage zur Synthese von Kreatin, Methionin, Lecithin und Carnitin, letztendlich den Stoffen, die für die Energieversorgung, Muskeltätigkeit und Nervenstärke verantwortlich sind.

Bestimmte organische Verbindungen wie Ferulasäure gehören zu den Substanzen, die einen Einfluss auf die Muskelbildung und Leistungsbereitschaft haben sollen. Ferulasäure wird auch im Zusammenhang mit Reiskeimextrakt betrachtet, der eine muskelbildende und leistungssteigernde Funktion haben soll.

Keine Angst vor Zucker

Wer Bedenken vor dem Zuckergehalt der Melasse hat, sollte bitte folgendes berechnen: Bei einem – beispielsweise hohen – Melasseanteil von 10 Prozent in einem Futter sind im Höchstfall 48 Gramm Rübenzucker je Kilogramm über die Melasse im Futtermittel enthalten, der rasch im Dünndarm resorbiert wird. Von diesen 48 Gramm Rübenzucker sind 24 Gramm Glucose, die unter Ausschüttung des Bauchspeicheldrüsenhormons Insulin vom Blut in die Zellen aufgenommen werden. Die restlichen 24 Gramm sind Fructose, die erst über die Leber zu Glucose umgewandelt und erst verspätet in das Blut gelangt.

Die Angst vor Zucker relativiert sich, wenn man sich vor Augen führt, dass nicht nur Zucker, sondern auch Getreidestärke den Blutzucker belasten. In einem Futter mit einem Getreideanteil von 60 Prozent sind gut 400 Gramm Stärke je Kilogramm enthalten. Die Stärke wird in diesem Fall in 400 Gramm ! Glucose gespalten, zwar langsamer als Zucker, jedoch ebenso insulinabhängig abgebaut. Anhand dieses Rechenbeispiels und der Zahlenverhältnisse wird klar, dass hier eher eine Stärkepanik als eine Zuckerpanik ausbrechen müsste.

Apfeltrester keine wirkliche Alternative zur Zuckerrübe

Sehr viele Futtermittelhersteller haben leider von Melasse auf den Apfeltrester umgestellt. Apfeltrester ist der Pressrückstand, der bei der Herstellung von Apfelsaft entsteht und über einen hohen Zuckergehalt verfügt. Der niedrige pH-Wert (saures Futtermittel) schützt den Apfeltrester jedoch nicht, kurz nach dem Keltern zu gären. Auch wenn der Apfeltrester anschließend getrocknet und gepresst wird ist eine Belastung mit biogenen Aminen (vor allem Histamin) nicht auszuschließen.

Apfeltrester wird in der Schweine- und Rinderfütterung als rohfaserhaltige Futterkomponente mit Erfolg eingesetzt. Durch den hohen Zuckergehalt und die Gärfreude ist er auch gut silierbar.

In der Pferdefütterung stellt der Apfeltrester keine wirklich gelungene Alternative zur Zuckerrübe dar. Das von Natur aus vor allem in der Schale des Apfels und im Kern enthaltene Phlorizin gilt als toxisch (Zeller, B., Wien 2012). Der LD-Wert bei der Maus beträgt für diesen Stoff immerhin 300mg. Sowohl in vitro, als auch in Tierversuchen konnten bremsende Effekte auf den Glukosetransport (incl. Glucosurie, Ausscheidung von Traubenzucker über den Harn durch die Niere) gezeigt werden.

Ebenso ist eine Pestizidbelastung im Apfeltrester hochwahrscheinlich, da in der heutigen industriellen Apfelproduktion reichlich Spritzmittel ( Pestizide wie Thiabendazol und mindestens 17 weitere) eingesetzt werden. Auf einer konventionellen Apfelplantage wird bis zu 15 Mal im Jahr gespritzt. Wie oft genau, ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich und hängt vor allem von der Witterung ab.  So gut wie alle Wirkstoffe bleiben auf der Schale bzw. werden in die obere Schicht der Schale eingelagert, wandern aber nicht in das Apfelfleisch hinein. Diese Pestizide können nicht abgewaschen werden (Umweltinstitut München e.V.).

Laut dem Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden in 86% aller Apfelproben im Jahr 2013 Rückstände von Pflanzenschutzmitteln,  teilenweile sogar Mehrfachrückstände gefunden.

Jahrhundertelanger Brauch

Ein Futter, in dem Getreide durch einen kleinen Teil Melasse ausgetauscht wurde ist schmackhafter, leichter verdaulich und reicher an Mineralien. Schon seit vielen Jahrzehnten wird mit Melasse karamelisierter Hafer als kräftigende Nahrung für erschöpfte und appetitlose Pferde angeboten. Erst wenn man die Vorzüge kennt, wird die Bedeutung dieses Bestandteils im Pferdefutter klar. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft wieder mehr Melasse in der Pferdefütterung eingesetzt wird.

 

Dr. Susanne Weyrauch ©2006 überarbeitet  August 2017

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