Stroh- mehr als nur Einstreu

Stroh liefert Energie, verbessert die Verdauung und enthält wenig Eiweiß

Vor hundert Jahren war Getreidestroh eine wertvolle Futterkomponente, die ganz gezielt in der Pferdefütterung eingesetzt wurde. Heute nimmt man Stroh nur noch als Einstreu wahr und vergisst, dass Stroh eine wichtige und fast unverzichtbare Futterkomponente darstellt.

Getreidestroh hat als Raufutter ernährungsphysiologische Eigenschaften, die seinen Einsatz in der Pferdefütterung rechtfertigen. Es ist arm an Eiweiß und dadurch bei robust gehaltenen Pferden neben Heu eine interessante Alternative zu jungem oder gerade nachwachsendem Gras. Bei Pferden in Arbeit ist Stroh nicht  ganz uninteressant für die Energieversorgung.

Ernährungsphysiologisch wertvoll

Bei einer Fütterung von drei Kilogramm Haferstroh stehen dem Pferd etwa 16 Megajoule Energie zur Verfügung, die leicht ein Kilogramm Hafer ersetzen können. Stroh verfügt auch über eine durchaus interessante Mineralienzusammensetzung. So ist Haferstroh mit etwa 70 Milligramm Zink eine interessante Zinkquelle. Da der Rohfasergehalt von Stroh sehr hoch ist und ein Anteil aus unverdaulichem Lignin besteht, stehen die Mineralien offensichtlich nur dann dem Pferd zur Verfügung, wenn das Stroh fein gehäckselt ist, was früher in der Pferdehaltung grundsätzlich praktiziert wurde.

Eine übermäßige Strohfütterung soll aufgrund des hohen Ligningehalts zu Anschoppungskoliken führen, wenn die Pferde wenig bewegt und beschäftigt werden.

Angeblich sollten daher nicht mehr als 1 Kilogramm Stroh je 100 Kilogramm Körpergewicht gefüttert werden (obschon hinreichend bekannt ist, dass bei Großpferden Strohaufnahmen von 4 bis 6 Kilogramm pro Tag normal sind (Bender, I., 2015)).

Diese Faustzahl sollte unter bestimmten Bedingungen auch erhöht werden können, wenn eine Aktivierung des Mikrobioms möglich ist.

Unterschätzter Nahrungsbaustein Lignin?

Stroh ist wie alle verholzten Pflanzenteile reich an nahezu unverdaulichem Lignin (5 bis 20%), das zur Rohfaser zählt, chemisch gesehen aber kein Kohlenhydrat sondern ein Abkömmling des Phenylpropans ist. Eingelagert in die pflanzliche Zellwand bewirkt es die Verholzung (Lignifizierung). Da Lignin unempfindlich gegenüber starken Säuren und gegenüber bakterieller Zersetzung ist, dient es auch dem Schutz der Pflanze und verleiht ihr Stabilität. Stroh ist das ligninreichste Pferdefutter. Es wird diskutiert, ob Lignin eine darmschützende Wirkung hat. Lignin, auch Holzstoff genannt, wird weder durch Verdauungsenzyme noch durch Bakterien zersetzt. Lediglich Pilze sind in der Lage, Lignin zu zersetzen. Ligninreich sind auch überständiges Heu (Heu eingebracht nach dem Aussamen), welches sich durch fehlende grüne Farbe auszeichnet.

Stroh muss geerntet werden

Leider wird Stroh in der heutigen industriell geprägten Landwirtschaft, die bei der Getreideproduktion mit Herbiziden und Halmverkürzern arbeitet, als wertloses Abfallprodukt behandelt und oft zu lange nach der Getreideernte auf dem Feld belassen. Bodenfeuchte, Verunreinigungen und zu starke Pressung machen aus einem vollwertigen Produkt eine Abfalleinstreu.

Vor 80 Jahren war Stroh als Futtermittel in der gesamten Landwirtschaft nicht wegzudenken. Gehäckselte Rohfaserprodukte wie Heu und Stroh, auch im Gemisch mit Rüben oder Hafer waren Beiträge zu einer gesunden und schmackhaften Pferdeernährung. Diese Fütterung kam den spezifischen Anforderungen des Pferdes in Bezug auf die Mikroorganismentätigkeit im Dickdarm entgegen. Den gefürchteten Dickdarmübersäuerungen, die heute u.a. als Auslöser für Hufrehe betrachtet werden, wurde dadurch vorgebeugt. Viel Handarbeit oder schonende Maschinenarbeit beim Wenden des Strohs ergab sehr hochwertige Strohqualitäten. Insbesondere das siliziumreiche Haferstroh war ein wichtiges und interessantes Grundfutter.

Eine interessante Beobachtung kann man in Spanien machen. Dort werden im Umkreis von Madrid offensichtlich ohne Nachteile und ohne weitere Zugabe von Heu oder Luzerne große Mengen an Haferstroh gefüttert, die allerdings von höchster Qualität sind. Das goldgelbe Stroh ist nahezu frei von Keimbelastung, es riecht angenehm frisch und strohig und fühlt sich dabei trocken und sperrig an.

Haferstroh als Grundfutter

Stroh eignet sich als Pferdeeinstreu, da Pferde, die in der Natur selten länger als vier Stunden mit dem Fressen innehalten, sich artgerecht aus der Einstreu bedienen können. Dadurch wird ihr immenses Kaubedürfnis befriedigt und Verhaltensstörungen treten seltener auf. Als klassisches Futterstroh gilt Haferstroh. Eine höhere Saugfähigkeit besitzen Gersten- und Weizenstroh. Roggenstroh wird seltener verwendet.

Auf Stroh wird verzichtet, wenn Pferde allergisch reagieren oder wenn das Stroh in minderwertiger Qualität vorliegt. Muffig-staubiges, graues oder klammes Stroh ist für Pferde ungeeignet und kann bei Pferden schnell zu Leber-, Atemwegs- und Darmerkrankungen führen.

Strohernte

Stroh sollte ausreichend auf dem Acker getrocknet und nicht beregnet werden. Ein einmaliges sorgsames Wenden bei hoher Sonneneinstrahlung und das Pressen in lockere 15-Kilo-Ballen würde Stroh zu einem wirklich guten Pferdefutter machen. Die Lagerung unter dem Dach in trockenen, aber luftigen Scheunen ist der Lagerung von Rundballen-Getreidestroh unter Planen im Freiland vorzuziehen.

Die Lagerung von Stroh unter Planen im Freien ist problematisch. Regen, der den Schimmelpilzbefall forciert, Wind, der die Planen fortreist und sich einnistendes Ungeziefer, das mit seinen Exkremente das Stroh kontaminiert, führen auch nach der sauberen Ernte zu Qualitätsminderungen.

Stroh als Heuersatz - wissenschaftlich betrachtet

In Zeiten zu gering ausfallen der Heuernte kann und muss Stroh vermehrt als Raufutterlieferant dienen. Die Argumentation, Stroh sei zu ligninreich muss dabei einer besonderen Betrachtung unterzogen werden. Hier ist es einfach besser, sich an Zahlen zu halten und allgemeine naturwissenschaftliche Zusammenhänge  mit in die Erwägung hinein zu beziehen.

Der Ligningehalt von Stroh ist mit angenommenen 18 % mit Sicherheit sehr hoch,  jedoch verfügt Stroh auch über 35 % Cellulose sowie 25 % Hemicellulose.  Gerade letztere beide Verbindungen sind für die Pferdefütterung extrem wichtig. Eine Beeinträchtigung der Verdauung von Cellulose bei Anwesenheit von Lignin besteht, aber nur unbedeutend. Nichtsdestotrotz erfordert eine vermehrte Strohfütterung eine Anpassung der Ration in Hinblick auf andere Nährstoffe. Nur unter Beachtung dieser kann die Strohration angepasst werden und einen teilweisen Ersatz für Heu darstellen.

Mehr biologische Aktivtät notwendig

Mit Sicherheit erfordert der mikrobielle Aufschluss von Stroh wesentlich mehr biologische Aktivität und Kraft als der von Heu. Bei einer bekannt proteinarmen Strohfütterung stehen den im Darm lebenden Mikroorganismen nicht genug Stickstoff zur Vermehrung zur Verfügung. Ebenso fehlen reichlich Spurenelemente, die die Aktivität der Darmflora erhalten.

Vergleichbar mit der Strohdüngung in der Landwirtschaft kann ein Abbau von Stroh nur erfolgen wenn ausreichend Stickstoff und Spurenelemente vorhanden sind.

Das bedeutet für die Verdauung des Pferdes,  das bei einer notgedrungen bevorzugten Strohfütterung aufgrund von Heumangel der Eiweißanteil der Gesamtration erhöht werden  und auf eine ausreichende Aktivierung der Mikroorganismen durch Spurenelemente (Nr. 4 Goldwert)  geachtet werden sollte.

Ohne diese Maßnahmen ist eine Verdaulichkeit von Stroh über 35% im Dickdarm des Pferdes nicht gegeben und Anschoppungskoliken durchaus möglich. Zu den eiweißreichen Futtermitteln zählen Grünmehle, Luzerne mit Blättern, Hafer, Leinsamen, Bierhefe und Rückstände aus der Ölgewinnung. Schwefelhaltige Verbindungen bremsen die Vergärung eher aus.

Da das Lignin im Stroh wasserabweisend ist und Stroh damit weniger Wasser bindet als Heu, führt eine Strohfütterung nicht zur Ausprägung eines sogenannten Heubauches. Um aber eine ausreichende Wasseraufnahme durch Trinken in jedem Fall zu gewährleisten ist auf eine bedarfsgerechte Magnesiumversorgung zu achten, da Magnesiummängel zu Durstlosigkeit führen und die Gefahr einer Anschoppungskolik erhöhen.

Damit steht einer vermehrten Strohfütterung nichts mehr im  Wege. Vorausgesetzt jedoch ist eine einwandfreie Qualität des Strohs!

 

 

Dr. Susanne Weyrauch 2011 © überarbeitet im August 2018

 

 

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